Das Gebet

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Da ist keine Gottheit, die wunschgemäß unseren Gebeten folgt. Kein göttlicher Wille bremst menschliches Versagen aus. Sonst hätte sich die Shoah, die unfassbare Katastrophe, nie ereignet. Wie viele Stoßgebete wird es in Auschwitz gegeben haben. Wir wissen nicht, wie sich die Opfer damit fühlten im Moment ihrer Vernichtung. Wie viele Fürbitten und Gebete aus Sorgen und Verzweiflung richten sich in jeder Minute in einen unbekannten Raum. Und dann stirbt der geliebte Mensch an deiner Seite doch, und die Gewalt um dich herum nimmt kein Ende.
Wir Menschen sind eigenverantwortlich in dieser Welt. Es ist unseres, sie zu gestalten im Rahmen und mit der Unberechenbarkeit unserer Möglichkeiten, in der Spannung zwischen gut und böse, zwischen himmlisch und diabolisch. Darin liegt Fluch und Segen des Abschieds aus Eden. Und doch bleibt so viel, was der Verstand nicht fasst, was nicht zu verstehen ist. Und es wird immer bleiben.

Gibt es da überhaupt noch etwas auf das Gebet Bezogene zu räsonieren? Oder ist  alles gesagt, wenn der Auschwitz Überlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel feststellt, dass angesichts des Holocausts, die Fähigkeit zu beten im Menschen getötet worden sei. Oder wenn der Arzt und Poet Gottfried Benn desillusioniert formuliert: „Vor wem sollen wir noch knien? Der Alte hat uns im Stich gelassen, die Lage ist bitter.“

Es gibt wirklich nichts mehr auszusprechen, wenn man das Numinose, das Geheimnisvolle missversteht als einen Automaten, in den man ein Gebet hineinwirft, um mit Erhörung belohnt zu werden – sei die Verzweiflung auch noch so groß. Das wahre Gebet ist kein Um-Zu. Es dient keiner Zweckmäßigkeit, ist mehr als eingeforderte oder erwartete Wunscherfüllung. Und als Fähigkeit und Bedürfnis ist es im Menschen nicht zu töten…
Es folgt – wenn es nicht ein bloßer Akt der Gewöhnung und Routine geworden ist, ein Placebo gleichsam zur Gewissensberuhigung bezüglich eines allmächtigen und zürnenden Gottes – einer Herzensregung. Aus ihm spricht ein Sich-Überlassen. In äußerer und innerer Haltung drückt es eine Geste der Hingabe aus. Und das ist unabhängig davon, ob es still, kontemplativ, in Worte oder eine Gebärde gekleidet ist. In ihm schwingt unsere Sehnsucht nach Liebe, Ankommen, Geborgenheit, Schutz und Heilung. Es prägt uns und stärkt unsere Kräfte, sich auf entsprechendes zu richten und entsprechend zu handeln. Es fließt als Energie in den geistigen Raum, in dem wir nicht alleine sind. Wir sprechen die „Mittler“ an, halten und stärken die Berührung mit der geistigen Welt.

Die Frage „warum beten?“ scheint mir also sinnlos, denn wenn es den Menschen zum Beten drängt, etwas ihn in das Beten hineinzieht – dann können wir Beten als einen Akt der Resonanz in einem kosmischen Feld verstehen. Die Betende richtet sich auf das aus und begibt sich in das hinein, was jene Sehnsucht in ihr ausgelöst hat.

Das Gebet stellt ins Verhältnis. Für einen Moment holt es aus der Verfangenheit in dieser Welt, gibt Hinweis auf die Anderswelt der „himmlischen“ Sehnsucht. So zieht es uns über uns hinaus.
In den heiligen Schriften taucht deshalb die Frage nach dem Sinn des Betens gar nicht auf. Dort steht es als Grundregung des menschlichen Seins in der selben Bedeutung wie Nahrungsaufnahme und Schlaf. Als Akt der Demut dem Unbegreifbaren gegenüber ist es Mahnung, sich nicht selbst absolut zu setzen. Das Unverfügbare, der Werdeimpuls und das verborgene Geheimnis wollen erinnert und gerufen sein. Und dies aus mehreren Gründen.

Das  Gebet hilft dem Betenden. Es schenkt Entlastung, innere Freiheit, seelische Heilung, Trost. Es gibt dem Alltag eine andere Färbung und wärmt das Herz. Und wenn dir alles wegbricht, so wie dem biblischen Propheten Hiob, so bleibt es doch der letzte Anker. Trotz aller Nichterfüllung verständlicher Wünsche und selbst, wenn es wie in ein Nichts gesprochen scheint, die gestammelten Worte sich in einem leeren Universum zu verlieren drohen. Dann erdordert das Gebet aber durchaus Mut, ragt es doch tief in die Wolke des Nichtwissens.

Das Gebet reinigt die Seele. Was du keinem Menschen anvertrauen würdest an Sorge, Angst, empfundener Schuld, Scham und abgrundtiefem Versagen – hier ist sein Ort. Still, zurückgezogen, versunken, erschöpft, traurig und doch mit einem letzten Vertrauen und einem zarten Lichtschein von Zuversicht.

Das Gebet, gleich auch in welcher Form, vor allem jedoch in der Stille des Alleinseins, formt einen inneren Raum. Dessen Name ist Heimat. Jederzeit kannst du ihn aufsuchen. Er bricht nicht weg. Weitet sich ins Ungeahnte. Dort bist du mit dir selbst identisch. Da kannst du dich erkennen. Da spürst du die Resonanz.

Das Gebet ist Energie. Es nährt und stärkt das Kraftfeld des Geistigen, schafft Berührung zwischen materieller und geistiger Welt, hält entsprechende Bindung. Man kann diese Kraft spüren, wenn man wirklich offen und empfänglich bleibt. An manchen Orten, an denen jahrhundertelang gebetet wurde, wirkt sie wie verdichtet, quasi greifbar.

Mehr noch als bei einem bloßen Bittritual scheint das Wesen des Gebetes im Ausdruck der Akzeptanz des Seienden zu liegen – trotz aller berechtigten Empörung und Verzweiflung, die uns gelegentlich anspringt wie ein wildes Tier aus einer unversöhnten Welt. Im Gebet formuliert sich letztendlich ein Ja und bereitet sich das rechte Tun im Rahmen des mir Möglichen vor. Die Eigenkräfte wachsen. Damit wandelt sich grundlegend der Blick auf das Sein. Und dann mögen sich Ereignisse in unserer Wahrnehmung auf eine Weise zu erkennen geben, die sagen lässt: „Mein Gebet wurde erhört. Es ist gut so…“

Für Menschen, denen Materialismus, Machbarkeit, Evidenzbasierung und ein grundsätzlich zweifelndes Wesen Gottheit sind, werden das Gebet und das Vertrauen in eine überzeitliche Vernunft immer fremd und unverständlich bleiben, allenfalls ein nachsichtiges Lächeln wert.

Mahatma Gandhi:
„Gebet ist das einzige Mittel, um Ordnung, Frieden und Ruhe in unser tägliches Handeln zu bringen…Das Gebet schenkt uns einen Frieden, eine Kraft und einen Trost, wie nichts anderes sie uns geben kann. Doch muss es von Herzen kommen.“

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