Von guten Mächten

clausAllgemein

Diese drei Worte sind untrennbar mit dem Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) verbunden. Er nahm sie als Titel für ein Gedicht, geschrieben im Advent 1944 aus der Gestapo-Haft für seine Verlobte, Maria von Wedemeyer. Es hat sieben Strophen, mit der letzten:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.


Der dem Gedicht beigefügte Brief spricht viel von der Einsamkeit in der Gefängniszelle und dem Alleinsein.
„Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt … Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: ‚zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken‘, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder.“

Die Unterscheidung in Einsamkeit und das Gefühl des Alleinseins, ja vielleicht sogar der Verlassenheit, ist von großer Bedeutung. Einsam sein, einsam leben, wie Bonhoeffer in der Gefängniszelle oder auch bewusst und gleichzeitig gewollt, wie ein Eremit des Alltags, das geht. Wer sich alleine fühlt, unterliegt demgegenüber einer mehrfachen Illusion.
Denn immer leben wir in wechselseitiger Verbundenheit mit allem Sein (interbeing). Trennung kann so als Täuschung eines in sich selbst eingekerkerten Bewusstseins gesehen werden.
Auch erschließen unsere Innenräume eigene Welten, zu denen wir genauso Verbindung herstellen und halten können, wie zu unzähligen Personen und Personengruppen, die lediglich nicht physisch präsent sind. Es ist eine Frage des entsprechenden Erkennens und Bemühens.
Schließlich ist der Mensch eingebettet in das Reich der geistigen Welt, der Mächte, auf die ich mich ausrichte. Wie bei jeder Beziehung und wie bei jedem Resonanzraum bedarf dieses Feld der Pflege, einer gewissen Konstanz, ja Treue. Die kontemplative Haltung führt dabei, und sie hält auf dem Weg.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet…

Das Unsichtbare… Mit großer Demut und zugleich Vertrauen kann ihm der Mensch begegnen. Dies muss immer wieder in eine Welt gesprochen werden, deren kalte Augen einer sogenannten Rationalität nur das als existent und wahr erklären, was als Materie gleichsam zu greifen und zu messen ist. Wer sich versagt, die Gewissheit des Unsagbaren als Geschenk anzunehmen und entsprechend zu würdigen, versagt sich die Seinstiefe.

Die Beziehung zur geistigen Welt und die Ausrichtung auf die guten Mächte bewahren den Menschen vor so mancher existentiellen Täuschung. Dies gilt besonders für die heutige Zeit, die als heillos verfangen in einen materialistischen Blick beschrieben werden kann. Dieser Blickweise auf die Welt entgehen wesentliche Unterscheidungen und Einsichten. Das meint vor allem das Erkennen dessen, was wirklich Stabilität und Halt gibt und die Seele trägt, in Differenz zu all Jenem, was sich als fragil, marode, bodenlos und dem Verfall anheimgegeben erweist.

Der Jesuit Alfred Delp (1907 – 1945), Zeit-, Gesinnungs- und Leidensgenosse von Dietrich Bonhoeffer und ebenfalls im Widerstand gegen das Hitler-Regime aktiv, brachte das in außerordentlicher Klarheit auf den Punkt:

„Es fehlt vielleicht uns modernen Menschen nichts so sehr als die echte Erschütterung: wirklich da, wo das Leben fest ist, seine Festigkeit zu spüren, und da, wo es labil ist und unsicher ist, und haltlos ist und grundlos ist, das auch zu wissen und das auch auszuhalten. Das ist vielleicht die allerletzte Antwort auf die Frage, warum uns Gott in diese Zeit geschickt hat, und warum er diese Wirbel über die Erde gehen läßt, und warum er uns so ins Chaos hinein-hält und ins Aussichtslose und ins Dunkle, und warum von all dem kein Ende abzusehen ist: weil wir in einer ganz falschen und unechten Sicherheit auf der Erde gestanden haben.“

Worte, als wäre sie in die Jetzt-Zeit hinein geweissagt. Was bleibt da?

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag…

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