Wohl niemand vermag seriös abzuschätzen, was die gegenwärtigen Krisenphänomene in Welt und Umwelt bedeuten und wohin sie uns führen. Selbst Auflösung und weitestgehendes Verschwinden unserer Art liegen mit im Möglichkeitsraum.
Man mag sich von diesem evolutionären Drama weiterhin distanzieren und sich in eine kleine Nische des Wohlbefindens zurückziehen; man mag es larmoyant verdrängen oder überheblich ignorieren. Das führt sicher kurzfristig zu einer mentalen Entlastung. Doch das Verdrängte nistet sich um so tiefer im personalen und kollektiven Unterbewusstsein ein. Dort ruht es, schwer wie Blei, die Energien der Leichtigkeit und Beschwingtheit langsam lähmend.
Solche Abwehrmechanismen reißen den Graben immer tiefer zwischen uns und dem anderen Leben, mit dem wir uns gemeinsam auf Mutter Erde bewegen. Das Bewusstsein wechselseitiger Verbundenheit wird bis zur Unempfindsamkeit geschwächt; die Wahrnehmung und das Gefühl größeren Eingebundenseins diffundieren in ein gestaltloses Niemandsland.
Dagegen gilt es sich aufzubäumen, schon um des eigenen Lebensversprechens und der Selbstachtung willen. Nur durch Rebellion vermag auch eine Immunisierung gegen alle Heilspropaganda gelingen, die sich drastisch simplifizierend den Herausforderungen unserer Weltzeitstunde gegenüberstellt. Wenn wir uns eines nicht mehr leisten können, dann ist es genau diese Vereinfachung von Komplexität und Widersprüchlichkeit des Gegenwärtigen.
Vor Mensch und Menschheit liegt verborgen ein Universum des Unbekannten und so noch nie Gewesenen. Seine Konturen steigen jedoch nur dann aus dem Nebel des Zukünftigen auf, wenn zunächst das, was ist, sich erfahren und ausgehalten sieht. Es will erkennend und mit einem ausgeprägten Mut zum Werden durchlebt sein.
Die ans Herz gehende, uns täglich bewusster werdende Fragilität der Lebensprozesse fordert uns solchen Mut ab. Dies gilt noch verstärkt für die aus Zerbrechlichkeit erwachsenden unausweichlichen Katastrophen und die damit verbundenen Opferzahlen in so nie gekannter Dimension. Es geht um Opfer auf Seiten aller Lebensformen, nicht nur des Menschen. Damit notwendig und schmerzvoll zertrümmerte Gewissheiten bilden gleichwohl den Humus für ein Weiterbestehen und ein sich Weiterentwickeln in schöpferischer Unbefangenheit. Sie sieht sich befreit von den vertrauten, aber lähmenden Gewohnheits- und Bequemlichkeitsritualen.
Schöpferische Unbefangenheit dient der Entfaltung und Gestaltung des Edelsten im Menschen auf die vor uns liegenden Herausforderungen hin. Das Durchstehen des Dunklen und Schmerzhaften in der Welt, vor allem von Jenem, das wir selbst verursacht haben, sieht sich so im Licht evolutionärer Notwendigkeit. Es verweist in seinem Umkehrschluss auf die noch unentdeckten Entwicklungspotentiale, die zu füllen wir dringlichst gerufen sind.
Das klingt vordergründig paradox. Alle Ohnmachtserfahrungen und alles Scheitern sind allerdings unumgehbar, wenn die planetarische Überlebenskrise sich im Dienst eines neuen anthropologischen Selbstverständnisses sehen will. So kann das Gebrochene in Evolution und Kultur, kann das Desaströse und Tragische zur Fruchtbarkeit bewältigter und überlebter Niederlagen mutieren.
Es ist zwar eine schmerzhafte Einsicht, dass unsere Anthropozän genannte Epoche sich gegenüber den planetaren Lebensprozessen unangemessen, ja falsch eingerichtet hat. Doch zugleich erwächst daraus ein hohes zukunftsweisendes Gut. In Kauf zu nehmen gilt, keine Wegweisung hin zum Zukunftsland zu kennen. Klarheiten bilden sich erst im Unterwegssein heraus. Das aber auch nur, wenn der lebensethische Kompass und die darauf bezogenen Tugenden stimmen.
Statt illusionär entworfenen Utopien, mit teils romantisch verkitschten inneren Bildern, wird sich das Neue wohl als etwas Anderes zu erkennen geben als jenes, was wir im Erschrecken über die Folgen unserer Zerstörungen so ersehnen. Der Weg führt in eine grundlegend andere Welt. Sie will nicht rückwärtsgewandt mit einer geschönten Vergangenheit sentimental verglichen werden. Sie will lebensdienlich gestaltet sein – zu jeder Zeit und jeweils dort, wo wir uns gerade bewegen.
Eine neue Politik, die wir Lebenspolitik nennen, bedarf zu ihrer Verwirklichung zweifellos grundlegender und richtungsweisender Entscheidungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Wenig kann sich verändern ohne radikale Transformation der Strukturen, die Gesellschaft und Kultur bis dato prägen. Doch im Letzten geht es um jeden einzelnen Menschen, der an seinem Lebensorte für eine entsprechende Orientierung, Ausrichtung und äußere Umsetzung sorgen muss. Dies gilt gerade auch dort, wo jegliche Bemühungen zunächst sinnlos erscheinen. Heilung und Erlösung werden gerade dort benötigt! Ansonsten wäre dauerhaft nichts gewonnen. Sind doch das Individuelle und die Entwicklung des Selbst untrennbar mit dem inneren Kosmos des Weltgeschehens verbunden – auch wenn wir als Kultur, ja Menschheit bislang daran gescheitert sind, dies nicht nur zu verstehen, sondern lebenspraktisch zu integrieren.
Erhebe dich und steh
Dann Bruder geh
Aufrecht und ohne Zagen
Jederzeit das Unmögliche wagen
Auch an der Grenze sollst du nicht ruhn
Sondern zunächst das Notwendige tun
Sturmwind peitscht nässend ins Gesicht
Du trocknest die Haut mit Zuversicht
Den Weg verschlingt die Dunkelheit
Geh trotzdem weiter
Folge dem inneren Licht
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