Es ist ein Kreuz

ClausAllgemein

Aus den Symbolen der Menschheit ragt es heraus. Das Kreuz.

Der waagerechte und der senkrechte Strich versinnbildlichen ein überzeitliches, grundlegendes Weltverständnis. So manches mag man darin erkennen. Etwa:
Die gegenseitige Durchdringung von Geist (vertikal) und Materie (horizontal). Waagerecht zeigen sich Erdoberfläche und Wasserspiegel als das Fundament, auf dem der Mensch sich bewegt. Es wird vom Himmlischen und Göttlichen berührt.
Die Vierheit als Sinnbild der Schöpfung findet einen Ausdruck – so wie die vier Jahreszeiten, die vier Himmelsrichtungen und die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde.
Die senkrecht nach oben zeigende Linie hält Welt und Unterwelt in einem Gleichgewicht des Unterschiedlichen.

Mit dem aufkommenden Christentum wurde ihm eine besondere Bedeutung zugewiesen. Durch das Konzil von Ephesos erhielt das Kreuz 431 den Rang eines offiziellen christlichen Zeichens. Es erinnert an die Kreuzigung Jesu, an Leiden, Tod und Auferstehung. Es spricht von Vollendung in der Hingabe und davon, in der Qual die Qual zu überwinden. Mit dieser Deutung wurde die Wandlung von einem Hinrichtungsinstrument zu einer Heilsbotschaft vollzogen.
Als Schmuck drückt es die Verbindung mit dem christlichen Glauben aus, ohne sich mit Worten weiter begründen zu müssen.
Auf Kirchtürmen und am Wegesrand fordert es zur Achtsamkeit auf. Erinnere Dich, Mensch, an Deine Endlichkeit, die allem Leben mitgegeben ist. Erinnere Dich aber auch an die Gewissheit eines Darüberhinaus.

Durchgesetzt hat sich in der allgemeinen Wahrnehmung die Verbindung mit dem Tod – als Symbol und als Hinweis darauf, dass ein Mensch verstorben ist. Kaum eine Todesanzeige und kaum ein Grab kommen in unserem Kulturkreis ohne das Kreuz aus. Wir sehen es, und wir wissen Bescheid, bzw. glauben Bescheid zu wissen, lässt sich ein letztes Geheimnis des Verwehens doch niemals auflösen.

Was bleibt, wenn wir das Kreuz einmal, nur einen Gedanken lang, von seinen spezifischen kulturellen und religiösen Deutungen und Vereinnahmungen befreien?

Es verbleiben zwei Linien.
Die Horizontale steht für das Sein des Menschen auf der Erde. Er bewegt sich auf die Mitte zu. Es ist jener Punkt, an dem die göttliche Energie aus der Tiefe des Raumes die menschliche Existenz in ihrem Wesenskern durchschneidet und trifft. Beide verschmelzen zur unio mystica, der geheimnisvollen Vereinigung, die uns berührt, erschüttert und verwandelt.
Im Schnittpunkt des Kreuzes begegnen sich all jene, die auf der Reise sind zu ihrem Ursprung und ihrer Verheißung. In Momenten, die wir mystisch nennen, stehen sie in der Energie dieses „Ortes“. Nicht mehr getrennt, ganz eins, angekommen. Fraglos.

In einer schlichten Übung lässt sich diese Bedeutung des Kreuzes in die Erfahrung bringen:

Mit der Erde verwurzelt stehen wir aufrecht.
Die Arme breiten sich waagerecht aus.

Die Hände, seitlich nach vorne hin geöffnet, wenden sich dem Leben zu.
Der Oberkörper streckt sich, der Kopf erhebt sich zum Himmel, dem Licht entgegen.
Es durchdringt uns und sammelt sich dort, wo in unserem Leib der Schnittpunkt liegt, im Herz.
Von dort strahlt es aus in das ganze Sein.

Das Kreuz erzählt von unserem Sinn, von unserem Lebensweg und unserer Berufung. Sie liegt und lebt im Schnittpunkt bzw. dem fortwährenden Weg darauf zu. Das benötigt kein außerordentliches Suchen. Es ist nirgendwo im Außen. Der Schnittpunkt des Kreuzes ist im Herz und im Seelenraum spürbar. Jederzeit. Stille, Sammlung, Offenheit, Ausrichtung und Hingabe reichen.

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