Thermometer der Befindlichkeit

ClausAllgemein

„Soll man aufrichtig sein auch in Stimmungslagen, die ständig wechseln? Soll der andere wie ein Thermometer an die eigene Temperatur angeschlossen werden?“ Das fragte der deutsche Soziologe Niklas Luhmann in seinem Buch „Liebe als Passion“(1982); sicher in rhetorischer Absicht.

Was einem in alltäglichen Gesprächen oder auch als ungewollter Ohrenzeuge in Cafés und Zugabteilen allenthalben begegnet, erreicht durch die digitale Entblößung in den sogenannten Social- Media-Räumen eine neue Stufe. Menschen missverstehen die ihnen mitgegebenen Gaben und Möglichkeiten zur Kommunikation als Lizenz zur Dauerbelästigung – durch Wasserstandsmeldungen ihrer Befindlichkeit.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Es gehört zu einem  heilsamen Miteinander, dass wir uns nicht verschließen; vor allem, um sich wechselseitig zu verstehen, um in einem gewissen Maße mitzuempfinden. Gewiss aber auch, um uns von dem zu entlasten, was die Gefühlsebene beschwert und was oft nicht alleine zu tragen ist.

Die ununterbrochene Selbstwahrnehmung, Selbstbeobachtung und Selbstzentrierung allerdings lässt für den sich proklamierenden Menschen kaum noch ein Entweichen aus dem Ich. In der Folge bezieht er auch die Selbstkundgaben eines Gegenüber eher auf sich, vergleicht sofort und tut sein Resümee in Dauerschleifen kund. Das Vokabular zieht sich von der zweiten und der dritten mehr und mehr auf die erste Person, das Ich, zurück.
Diese Versklavung an die eigene Empfindungswelt schottet trotz aller Öffnungsstrategien immer weiter von der Sozialumwelt ab. Sie schwächt die Empathiefähigkeit. Es lässt sich zudem eine Entmündigung angemessener Sprachdosierung beobachten; sieht diese sich doch der Entscheidung beraubt, was im Stillen verbleibt und was auf den Marktplatz oder an den Küchentisch getragen wird.

Bei dem, was wir das Persönliche, ja das Intime nennen, handelt es sich um einen sensiblen Schutzraum. Es geschieht oft en passant, dass dieser sich durch stetige Empfindungsaussagen, eine unreflektierte Offenheit und die sich unablässig wiederholende Bewegung von Innenwahrnehmung zur Außendarbietung gleichsam aufgelöst sieht. Um das damit gelegentlich verbundene Gefühl zu kompensieren, man habe unangemessen eine Grenze überschritten, mündet es in die Forderung, dass auch das Gegenüber sich entsprechend äußern möge.

Zurückhaltung in der Selbstkundgabe und eine entsprechende Gelassenheit sind ein hohes zwischenmenschliches Gut. Gerade bei ständig wechselnden Stimmungslagen. Der Spielraum zwischen dem, was gesagt werden sollte, weil es auch die vorhandenen Beziehungsebenen an wichtiger Stelle berührt, und dem, was bei sich bleiben möchte, ist jedoch groß. Er hängt nicht zuletzt von dem Grad der Nähe ab. Wenn der eigene untrügliche Maßstab dafür fehlt, bedarf es der Klärung im Miteinander; unter Berücksichtigung von Takt und Timing.

Es wäre ein Trugschluss, praktizierte Selbstzurücknahme als Selbstkasteiung zu interpretieren. Sie hält vielmehr Leichtigkeit und eine gewisse Schwebe im Moment. So dient sie allen beteiligten Seiten. Sie verhindert, dass durch Gewöhnung etwas Zwanghaftes in die Eigentaxierung eindringt und den Folgedruck auslöst, sich dafür vor sich selber zu rechtfertigen. Auch gehört dazu, dass im Anderen nicht der stete Impuls geweckt wird, sich für die Wechselbade des Du verantwortlich zu fühlen.

Der See unseres Lebens ist unergründlich. Es hat etwas durchaus Erhabenes, ihm seine Tiefe zu lassen und nicht jederzeit das Unterste an die Oberfläche zu wirbeln. Folgt dieses doch oft nur Launen, Unsicherheiten und dem Umstand, nicht mit sich klar zu kommen, sich nicht als ganz, als heil, gerade auch in seinen Ambivalenzen zu verstehen. Wenn ein Mensch sich seine Ganzheit lässt, sie auch geschützt bei sich lässt, kann der See im Sonnen- oder Mondlicht des Lebens mit stiller Präsenz glänzen. Für jene, die mit ihm gehen und für sich selbst, schenkt er etwas von dieser Ruhe.
Die andere Wirklichkeit, wenn Trauer, Schmerz und innere Lebenskämpfe berechtigt nach oben und nach außen drängen, sie ihr Recht einfordern, ausgesprochen und gehört zu werden, holt uns noch früh genug wieder ein. Doch dies sollte den ernsthaft bedrängenden Fragen, Gefühlen und inneren Wahrnehmungen vorbehalten bleiben. Um ihnen nicht das Besondere und Beachtenswerte zu rauben und damit die notwendige Herzenszuwendung und den heilsamen Trost durch ein liebendes Du.

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