Finissage eines Lebens

ClausAllgemein

Die oft bahnbrechenden Erkenntnisse in Anthropologie und Medizin haben dem alten Menschheitstraum vom ewigen Leben neue Facetten hinzugefügt. Schon jetzt sehen wir uns in einer Spirale der kontinuierlichen Existenzverlängerung mittels neuer Mittel und Methoden organischer Schadensbegrenzung und der Ersatzteilmedizin.
Leben jedoch hat mit so viel mehr zu tun als körperlicher Gesundheit und Fitness. Es ist ein Kunstwerk auf begrenzte Zeit. Jedes folgt der ihm zugedachten Bahn. Sie ist mit keiner anderen vergleichbar. In dieser Bewegung wirken Leib, Geist, Seele und Herzenergie auf geheimnisvolle Weise mit der Umwelt zusammen. Veränderungen im einen wirken sich auf das andere unmittelbar aus. Der Lebensbaum benötigt die Nahrung und Energie von Mutter Erde, das Licht des Himmelsgestirns, die Berührung durch den Wind der Elemente und die Geborgenheit an dem ihm zugewiesenen Platz und in der ihm verliehenen Harmonie einer Form. Niemand von Außen kann in dieses Zusammenspiel Einblick nehmen. Es folgt eigenen Gesetzen.

Man beobachtet einen Menschen und registriert seine Gesundheit und Vitalität trotz fortgeschrittener Jahre. Alles scheint gut. Niemand sieht, manchmal der Betroffene selber noch nicht, das Drängende der Fragen in der Existenz. Sie tauchen in immer kürzer werdenden Abständen auf. Fragen nach dem Sinn, nach sich wiederholenden und gerade dadurch leise erschöpfenden Bedürfnissen und Begebenheiten. Die Freude verschwindet zwar nicht. Manche blüht vielleicht gar neu auf. Und doch ist da ein Spüren sich verwandelnder Lebensenergie. Das Maß personalen Seins sieht sich nahezu aufgebraucht und dadurch erfüllt. Im Wendepunkt tritt der Unrast die Ahnung überzeitlicher Ruhe und Weite an die Seite. Das mag eine tiefe Abwandlung des Wohlbehagens sein, das man empfindet, wenn man sich erschöpft zur Ruhe legt. In Erwartung umfangender Geborgenheit.

Wenn der Perspektivenhorizont einer Biographie immer unschärfer wird; du über ihn hinaus in eine unbestimmte, in Sehnsucht getränkte Ferne schaust und dich darin verlierst; wenn manche Antriebe nicht mehr aus sich selber kommen, sondern eines bewussten Anstoßes bedürfen: Dann hat sich etwas ausgelebt, auch wenn es an der Physis zunächst nicht erkennbar ist. Am Lebensalter und dem äußeren Erscheinungsbild lässt sich das wahrlich nicht immer messen.

Irgendwann hört man dann vielleicht sagen, dass da ein Mensch einfach so gegangen sei. Man verstehe es nicht. Es schien ihm gut zu gehen. Er habe alles gehabt und gesund gelebt. Das Herz habe wohl einfach aufgehört zu schlagen. Möglicherweise sei es sich der endlosen Wiederholungen seines eigenen Rhythmus‘ überdrüssig geworden.

Ein solcher Tod kommt nicht als Feind des Lebens. Er nähert sich als silberner Kairos, als Finissage einer biographischen Werkschau. Der einst so klare Klang einer Existenz, der schließlich immer leiser wurde, sieht sich zurückgeführt in die große Symphonie der Schöpfung. Zur rechten Zeit dem rechten Maße folgend.

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