Aushalten

ClausAllgemein

Unsere Zeit fordert ein gehöriges Maß an persönlicher Frustrationstoleranz ein. Nahezu täglich sehen wir uns mit Fragen konfrontiert:
Was müssen wir zulassen und aushalten?
Was will ertragen werden ohne kräftezehrende Rebellion, die im Nirgendwo ausläuft, weil die Mächte des Gegenwärtigen und der Verhältnisse einfach zu stark sind?


Eine unüberschaubare, unberechenbar gewordene und sich neu organisierende Welt gehören zu diesen Verhältnissen. Der rasante technologische, ökonomische und soziale Wandel spielt eine Rolle. Genau wie die Synergie planetarer Krisen – vom Klimawandel und dem Artensterben bis hin zu anwachsender Kriegsgefahr. Nicht zu vergessen der Verfall von Werten, von Anstand und Selbstbegrenzung.

Wo lohnt Widerstand, und wo raubt er die Energien, die wir so notwendig für das Heilende und für Wege in eine lebensdienliche Zukunft benötigen? Wo geht es aber auch im „Kleinen“ und Alltäglichen um Hinnehmen und Ertragen, und wo setze ich diesem Grenzen? Was also will ich, und was kann ich aushalten? Wo endet das Erdulden?
Es gibt kaum persönlichere Fragen. Vor allem aber ist ihre Beantwortung zumeist mit Klarheits- und Entscheidungsschmerz verbunden.

Zulassen und Ertragen haben zwei Bedeutungsebenen, die einen genaueren Blick verdienen.
Da geht es einmal um die Hinnahme dessen, was durch uns nicht zu ändern ist. Gleichwohl sieht sich diese Hinnahme nicht in einer Opferrolle und missversteht sich nicht als Ausgeliefertsein. Sie bewahrt bei allem den eigenen Ethik- und Verhaltenskodex. So setzt sie durch Haltung ein Gegenzeichen, auch wenn sie im Grundsatz als eher passiv wahrgenommen wird.

Die andere wendet sich dem Hinzunehmenden zu. Sie erkennt darin liegende Chancen. Sie will nicht voreilig Gewissheiten konstatieren, wo zunächst ein tastendes Hinspüren gefordert wäre; sie möchte vorbeugen, dass nicht scheinbare Sicherheit und rückwärtsgewandte Kontrolle die Oberhand behalten. Sich dazu durchzuringen, hält Überraschung, Vielfalt und jene Formen von Ästhetik im Spiel, die erst sicht- und spürbar werden, wenn sie sich angstfrei entfalten dürfen.

Viel Vertrauen in unsere letztendliche Urteilskraft ist hier gefordert – trotz aller Irrungen und Wirrungen, die manchmal unumgehbar sind. Sich auf einen solchen Prozess einzulassen, scheint allerdings um seiner selbst und der Sache willen, unabdingbar. Für Gemeinschaft und Gemeinwesen jedweder Form ist er essentiell.

Zulassen und Aushalten lehren uns, mit Mehrdeutigkeiten umzugehen. Beide stehen zudem für eine besondere Stärke: nämlich Zurückhaltung zu zeigen hinsichtlich einer zunächst unerträglich erscheinenden Situation oder Begebenheit. Das hat etwas von Hingabe für das Andere, noch Unbekannte oder Unverstandene und möglicherweise Größere. Der eigene Stolz und blinde Selbstgewissheit sehen sich zurückgenommen. Die eigene Durchlässigkeit wird erhöht und damit die Empathiefähigkeit.

Von Außen können die Frustrationstoleranz eines Menschen und die Bereitschaftsskala zum Aushalten nicht beurteilt werden. Genauso wenig wie die Einschätzung als schlimm, belastend oder unerträglich. Jeder von uns spürt unterschiedlich intensiv, unterschiedlich positiv, unterschiedlich negativ. Und so zählt einzig und allein ein selbstbestimmtes Handeln, das dem Verständnis der eigenen Würde und der eigenen Selbstachtung folgt. Wir können nur in diesem Eigenen empfinden, ob wir die Belastungen noch zu kompensieren in der Lage sind oder an Leib und Seele Schaden nehmen.
Aushalten verlangt somit eine paradoxe Stärke. Sie liegt als Bruch mit dem Gewohnten und Konventionellen darin, vorübergehende Schwäche, ja Fragilität zum Motor von Transformation zu machen.
Aushalten steht nicht für eine Befindlichkeit, die man pathetisch und märtyrerhaft vor sich her trägt. Es ist ein bewusstes, prozesshaftes Tun, unterlegt mit schwankenden Gefühlen. Die zielgerichtete Eindimensionalität einer damit verbundenen Absicht fehlt. Der aushaltende Mensch vermag so Opfer und gestaltender Akteur zugleich zu sein. Denn die Energie, die beim Widerstand gegen das Alte verloren ginge, bleibt in der Hinnahme erhalten für das wartende Neue.

Von anderen Menschen lässt sich diese ganz eigene Rationalität selten angemessen nachvollziehen. Nichtverstehen, ja Unverständnis bleiben immer mit im Spiel. Und auch dieses will manchmal ausgehalten sein.
Doch gerade bei der Haltung des Aushaltens, fällt es manchmal auch noch so schwer, gilt das Ruhen in der Gewissheit, nie alleine zu sein, sondern sich in der Begleitung durch Jenes zu sehen, was wir die geistige Welt nennen.

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