Wo sollte der Maßstab dafür her kommen zu erläutern, wann ein Leben als gelungen und schön und ein anderes als fortwährendes Desaster zu bezeichnen sei.
Geht es um Leid in Differenz zu Freude und Glück?
Um Wohlstand als Gegenüber von Armut?
Oder um Siechtum im Angesicht des Wohlbefindens anderer?
Aus einer metaphysischen Ferne, mit einer überzeitlichen Nüchternheit betrachtet: Leben ist Erfahrung in einem Kosmos wirklich unbegrenzter Erlebensmöglichkeiten. Mehr nicht. Aber eben auch nicht weniger. Und dem Teufel unter den Menschen bereitet es ein diebisches Vergnügen, was dem zum Engel strebenden ein Verhängnis dünkt. Die Diskrepanz dieser Erfahrungswelten, und es gibt ja noch so mannigfache dazwischen – etwa durch gefallene Engel und zum Licht sich sehnende Satane – wird nie verschwinden können. Sie ist der Erdenschöpfung immanent.
Mag die erhabene Philosophie und eine nach Seligkeit sich sehnende Religion auch das vom Einen und Guten Durchströmte beschwören – es herrscht der Dualismus. Lernfortschritte – eine Illusion, maximal ein vorübergehendes Durchatmen…
Wie wollte man ansonsten erklären, dass so oft in der Geschichte, nach Zeiten großer geistiger und kultureller Blüte ein erbärmlicher Niedergang folgte. Wie ließe sich ernsthaft begründen, warum nach 1945 und nach all den davor liegenden Zivilisationsbrüchen wieder Kriege und Gräuel nahezu selbstverständlich geworden sind.
So der Erdengang im „Großen“.
Und wo findet sich im „Kleinen“ eine nachvollziehbare Begründung dafür, dass gebildete und spirituelle Menschen sich unvermittelt in Grenzüberschreitungen begeben, unerbittlich und dogmatisch.
Dass Unrecht unmittelbar vor Augen, Feigheit siegt.
Dass erstaunlich Reiche das Darben unendlich Vieler akzeptieren, ohne ihr Eigentum lindernd einzusetzen.
Dass wesentliche Repräsentanten der globalen Eliten sich freiwillig und mit Freude in ein kriminelles Netzwerk des Missbrauchs begeben.
Und so weiter…
Aus der Ferne wahrgenommen, sind das lediglich Erfahrungsräume. Mal so, mal anders. Klagelieder, die auf Jubelgesänge folgen und umgekehrt.
In diesem planetarischen Lebensspiel sollte dann auch der Gedanke fremd sein, sich als Opfer zu fühlen. Vor allem nicht in aufgepuschten, mehr oder weniger alltäglichen Begebenheiten. Für eine Lebensbetrachtung unplanbarer, durchaus disparater Erfahrung gehört es sich nicht, Unannehmlichkeiten, ja Verhängnisse sofort mit dem schlimmsten Vorstellbaren zu verbinden und mit den ausuferndsten Schrecklichkeiten in der Geschichte – nur um die eigenen Widerfahrnisse hervorzuheben. Man achtet auch die Schön- und Zartheit einer kleinen Blume am Wegesrand nicht gering in dem Verweis auf verschlingende schwarze Monsterlöcher im Universum.
In solchen Argumentationsmäandern könnte man vom Sein des Menschen erzählen. Durchaus stimmig begründet.
Doch Leben meint noch etwas anderes. Es besteht aus einer ununterbrochenen Kette an Einzigkeiten. Es ist ein Solitär.
Der Biokosmos einer menschlichen Seele…
Die Empfindungsdimensionen der Leiblichkeit…
Die Horizonte der Sehnsucht…
Die Gipfel und Abgründe der Liebe…
Und die Finsternis von Schmerz und Verlassenheit…
Darin und damit in einem jeden Menschen liegt alles – die ganze Geschichte, das ganze Leid, die ganze Erhabenheit. Immer ist das zu spüren, von jedem Ende der Skala her. Als große Geschichte und als kleine biographische Episode.
Der evolutionäre, kosmische Blick verdient Respekt und Beachtung. Denn er stellt uns ins Verhältnis. Aber zugleich ist er anonymisierend und kühl – durch seine Ferne und Differenz. Er kennt keine Liebe, keine Lust, keine Freude, kein Leid, keine Verzweiflung und keine Gnade. Das alles kennt nur der Mensch, wenn er ganz bei sich ist. Ein jeder einzelne Mensch steht dabei als Stellvertreter für das große Ganze. Mit dem umfassenden Reigen an Potentialität gesegnet bzw. dazu verdammt. Schönschreckliche Alltäglichkeit. Immer aufs Neue. Und der blaue, zunehmend graue Planet zieht unberührt seine Bahnen.
Glückauf!
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