Alles hat seine Grenzen, manchmal gar Zäune. Das Grundstück, die eigene Leistungsfähigkeit, Staaten, die Sagbarkeit, die Macht, unser Wissen, der Anstand, die Liebe, die Zumutbarkeit. Selbst Friedhöfe. Nur das Universum nicht. Soweit wir wissen.
Manche Grenzen haben eine objektive, intersubjektiv nachvollziehbare und als gültig erklärte Dimension. Andere entspringen einem rein subjektiven Empfinden. Wiederum andere unterliegen dem gesellschaftlichen und kulturellen Wandel. Was sich noch vor erinnerbaren Zeiten ausgegrenzt sah, fordert heute Inklusion ein. Von dem, was einst mit Schamgrenzen belegt war, lebt heute die Entblößungskultur. Wo nach jahrhundertelangem Ringen die Völkergemeinschaft der Willkür staatlicher Akteure Grenzen setzte, lösen diese sich aktuell durch die Schamlosigkeit und Perfidie narzisstischer Potentaten gleichsam wieder auf.
Entgrenzung, ja Grenzauflösung trat an die Stelle von Überschaubarkeit, regelbasierten Ordnungssystemen, unverrückbaren ethischen Grundwerten und einer der Gemeinschaft gewissen Halt gebenden Moral. Und dies zieht sich wie eine vergiftete Spur von denen „da oben“ bis in die zwischenmenschlichen Sozialräume der Allerweltsgenossen.
Werden Grenzüberschreitungen nicht hinreichend thematisiert und bloßgestellt, sehen sich Übergriffe schnell normalisiert bzw. in der Vorstufe augenzwinkernd schon mal hingenommen. War ja nicht so gemeint…
Gewiss: Manches muss ausgehalten werden von den Unbillen des Lebens. Weil es nicht zu ändern ist und keinem willentlich unguten bzw. schädigenden Verhalten anderer entspringt. Für den Rest ist die Grenzmarkierung da. Letztlich um aller Seiten willen. Bei jedem Menschen liegt dabei der Grad der Erträglichkeit auf einem anderen Punkt der Skala.
Mit Grenzen verbinden sich Einengung, Freiheitsbeschränkung, das Abschneiden von Potentialität, ja Entwicklung. Und diese Wahrnehmung hat kontextuell ihre Berechtigung. Gerne übersehen wird im vorherrschenden Grenzbewusstsein demgegenüber die schützende, befreiende und Potentialität erst ermöglichende Bedeutung.
Grenzen hegen ein und grenzen ab. Darin liegt eine Botschaft nach Außen – Vorsicht, dieser Raum ist geschützt, Annäherung nur mit Umsicht und auf Gegenseitigkeit. Die Botschaft nach Innen – Fühl dich geborgen, dieser Raum ist geschützt; er dient der Entfaltung und Gestaltung, wenn auch eingerahmt.
Erst das Grenzbewusstsein öffnet im Innern Felder, die ansonsten nur eingeschränkt sichtbar wären. Binden von Außen herangetragene Unruhe, Ablenkungen und Forderungen doch viel Aufmerksamkeit und Zuwendungsenergie.
In einer zerfleddernden Welt werden Grenzen und sich abzugrenzen kontinuierlich bedeutsamer. Als Schutz von Person und Gemeinschaft im Sinne von Selbstachtung und Selbstfürsorge. Aber auch als Bewahrer von Tradition und gewachsener Identität. Sie setzen eine Barriere, wo alles zugelassen und integriert werden soll, selbst das Schädigende. So beugen sie der Nivellierung anspruchsvoller Standards, Überforderung, Unsicherheit und Konturlosigkeit vor. Sie ermöglichen dadurch gleichzeitig, dass jene Felder von Identität und Zugehörigkeit sich neu bilden können, die bezogen auf das Alte sagen: Wir gehen euren Weg nicht mehr mit. Wir beleben und gestalten einen neuen Raum. Für uns und die Kommenden. Auf allen Ebenen des Lebens.
Grenzen rufen nach Klarheit, und sie erwachsen aus Klarheit. Sie reift in einzelnen Personen und in Gemeinschaftsformationen jeglicher Größe, bis sie die Sprachfähigkeit erreicht hat und formuliert werden kann. Diese Klarheit fordert allerdings auf, das Setzen von Grenzen nicht als willfähriges Instrument für Diskursverweigerung und Ausgrenzung zu missbrauchen. Es geht um Grenzen, die dem Leben dienen. Sie müssen ständig neu definiert werden, damit das umgrenzte System seine Entwicklungsfähigkeit behält. Das erfordert Durchlässigkeit.
So sehr wir uns nach Einheit, ja Einssein sehnen, die aufgestiegen sind aus dem Bewusstsein wechselseitiger Verbundenheit allen Seins. Diese Menschenwelt zeigt sich anders. Und sie wird es wohl noch für Äonen bleiben. Liebevoll, schöpferisch, fürsorglich – aber eben auch lebensfeindlich, unmäßig, übergriffig und radikal selbstbezüglich. Grenzen schützen uns und anderes Leben in dieser Welt. So halten sie eine Einheit in größerem Rahmen. Grenzen, auch seine eigenen, zu lieben, scheint ein wahrlich nicht fern liegender Gedanke.
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