Anders ist normal… Kontingenz

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Ein wenig Scheu empfinde ich schon, über die vielleicht größte Selbstverständlichkeit innerhalb der menschlichen Existenz etwas niederzuschreiben. Das Abgleiten in die Banalität ist schnell passiert.   Es geht um die grundsätzliche Offenheit und Ungewissheit unserer Seinserfahrungen. Legionen von Philosophen, Theologen, Psychologen und Soziologen haben sich darüber ausgelassen, oft in epischer Breite. Doch alle Reflexionen über das, was Kontingenz genannt wird, verdichten sich letztendlich in den Aussagen:Das Bestehende, so wie es sich uns zeigt, ist keinesfalls notwendig. Alles könnte auch anders sein und manches sowohl „falsch“ als auch „richtig“. Zufälle, bzw. Nichtvorhersehbares oder Ableitbares, intervenieren in Entwicklung und wirken richtungsweisend. Als … weiterlesen

Ästhetik und Systemrelevanz

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Der Landkreis, in dem ich mein Zuhause habe, ist normalerweise nicht schlagzeilenträchtig. Es lebt sich hier still dahin, inmitten überwiegend industrieller Landwirtschaft und viel Massentierhaltung. Etwas hügelig, viel grün, nette kleine Dörfer. Coesfeld ist sein Name- aktuell in die Nachrichten geraten durch die in der Kreisstadt ansässige Tötungsfabrik namens „Westfleisch“. Nachdem dort in unwürdigen Verhältnissen arbeitende und lebende Werkarbeiter, überwiegend aus Südosteuropa, sich massenhaft mit Covid 19 infiziert haben, wurde sie am denkwürdigen Datum des 8. Mai vorübergehend geschlossen. Leider keine bedingungslose Kapitulation eines lebensverachtenden Branchenriesen. Die zahlreichen Infektionen waren schon länger bekannt, doch nicht zuletzt der Gesundheitsminister aus NRW … weiterlesen

Fluss und Windhauch

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Siddhartha, der als Romangestalt von Hermann Hesse den Weg des Buddha verkörpert, begegnet nach nahezu alles beinhaltenden Lebensstationen einem alten Fährmann namens Vasudeva. Dieser wird sein letzter Lehrer. Er lehrt ihn das Hören: auf die der Ewigkeit entspringende Stimme des Flusses, die auch sein Meister war. Lange leben die beiden Alten in der kargen Hütte am Wasser. Nur wenige Worte teilen sie, und wenn, so sind sie reiflich bedacht. Eines Tages fragt Siddhartha: „Hast auch du vom Flusse jenes Geheimnis gelernt: daß es keine Zeit gibt?“„Ja, Siddhartha. Es ist doch dieses, was du meinst: daß der Fluss überall zugleich ist, … weiterlesen

Das rechte Maß und die Liebe

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Man kann den Zustand von Mensch und Erde in dieser Epoche durchaus umschreiben als: Verlust von Maß und Mitte. Unmäßigkeit nährt die Wurzelkraft des Kapitalismus. Grenzen zu verletzen, scheint dem Wesen des Menschen seit jeher beigegeben. Deshalb taucht die Suche nach dem rechten Maß auch in der Lehre der kardinalen Tugenden seit Platon als die vierte und letzte auf. Für unsere Zeit, in der sich in allen Lebensbereichen nun die Folgen angestauter Maßlosigkeit drastisch zeigen, hat sie entsprechend eine alles überragende Bedeutung. Die Schöpfungswirklichkeit verfügt in ihrem Grundsatz über das angemessene Maß in allen Begebenheiten und Wesenheiten. Symbiotisch ruhen die … weiterlesen

Die dritte Tugend

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Vier Kardinaltugenden lehrt die scholastische Ethik nach Thomas von Aquin (1225-1274): Klugheit/Vernunft, Gerechtigkeit, Tapferkeit und das angemessene Maß. Tapferkeit kommt in diesem Vierklang die Aufgabe zu, das durch die Klugheit als gerecht und als gut Erkannte herzustellen bzw. zu bewahren. Das aber hat seinen Preis.So gibt es den tiefen inneren Zusammenhang zwischen der Tapferkeit eines Menschen und der wesenhaft mit ihm verbundenen Verwundbarkeit. Nur weil diese grundsätzlich immer mit im Spiel ist, können wir uns überhaupt in eine Handlungsweise begeben, die wir als tapfer bezeichnen. Im Letzten reicht Tapferkeit bis zum Tod. Sie schließt also die Bereitschaft ein, für das … weiterlesen

Über das Ende der Zeit

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Seien sie auf einen Atomkrieg hin orientiert, auf die Klimakrise, das Artensterben oder eine Pandemie: Außergewöhnlichen Bedrohungen scheint es eigen zu sein, dass sie mit Befürchtungen von einem Ende der Zeit einhergehen. Ja, der sogenannte Fortschritt selbst taucht dabei als todesorientierter Verursacher auf. So schrieb etwa Wladimir Solowjew (1853-1900) in „ Drei Gespräche“, veröffentlicht im Jahr 1900: „Ich bin der Meinung, daß der Fortschritt, das heißt, der bemerkbare beschleunigte Fortschritt, immer ein Symptom des Endes ist.“ Und Stanislaw Jerzy Lec (1909 – 1966), dem wir so manche „Unfrisierte Gedanken“ verdanken, über uns: „Ich würde lachen, wenn sie nicht fertig würden … weiterlesen

Das Geheimnis

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Geistliche Hochfeste leben für Menschen, die sich in deren Tradition eingebunden sehen, von der Gemeinschaft. Man teilt eine Botschaft, feiert die Liturgie, verschmilzt mit dem rituellen Geschehen. Die gemeinsame Erfahrung kann verbinden und stärken. Ostern gilt im christlichen Kulturraum, so wie Jom Kippur im Judentum und das Ramadan Fest im Islam, als das Fest der Begegnung schlechthin. Was bleibt, wenn staatliche Anordnungen dies untersagen, und ich weitgehend auf mich selber zurückgeworfen bin? Wenn ich es mir zumute, öffnet sich ein neuer Raum, eine Chance zu besonderer Tiefe. Nennen wir es den Geheimnisraum. Und Ostern wäre nicht, ohne genau dies – … weiterlesen

Journalismus desaströs – ein Zwischenruf

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Von vorneherein sei klargestellt: Wir verdanken dem Qualitätsjournalismus nahezu alles an aufbereitetem Wissen, das die öffentlichen gesellschaftlichen Diskurse bestimmt. Dazu gehören aufgedeckte politische Skandale, Hintergrundwissen in den bedeutendsten gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen sowie meinungsbildende Klarheit. Professioneller und unabhängiger Journalismus ist für Demokratie und Menschenrechte konstitutiv. Und dies sollte gerade in einer Zeit erinnert werden, in der ein Donald Trump, ein Boris Johnson und gelegentlich auch ein Friedrich Merz ihn grundlegend in Frage stellen. Der Qualitätsjournalismus in Deutschland, Österreich und der Schweiz befindet sich weltweit zudem in einer außerordentlichen Position, was Vielfalt, Solidität und Integrität betrifft. Um so verheerender ist das, … weiterlesen

Die längste Reise

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Die Dehnung der Zeit durch Bewegung und Gravitation, wie Albert Einstein sie in seiner Relativitätstheorie beschreibt, bezieht sich auf äußere, auf physikalische Prozesse. Diese sogenannte „Zeitdilatation“ ist meß- und berechenbar. Anders die Dehnung der Zeit in unserer subjektiven Wahrnehmung. Ihr Messinstrument ist die Empfindung. Ruhe, Entschleunigung und vor allem Stille sind ihre besonderen Verursacher. Durch die Dehnung der persönlichen Empfindungszeit eröffnen sich neue Blickweisen mit einer ganz eigenen Tiefenschärfe. Es ist wie bei einem Akkordeon, das die Verzierungen auf dem Balg dem Blick erst freigibt, wenn das Instrument auseinandergezogen wird. Wir erleben momentan eine für unsere Kultur völlig außergewöhnliche persönliche … weiterlesen

Strahlenkranz der Pandemie

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Es liegt eine außerordentliche, eine evolutionäre Chance in dem Geschehen, das die Menschheit überraschte wie ein Dieb in der Nacht. Ohne irgendetwas an persönlichen Schicksalen verharmlosen zu wollen, müssen wir die weltweiten viralen Prozesse in diesen Tagen als einen dramatischen Weckruf der Evolution sehen. Wir erhalten das Angebot zu einem Crashkurs in der überlebensnotwendigen Umkehr und Neuausrichtung. Alles deutet jedoch vorerst darauf hin, dass wenn die Infektionswellen abflachen und schließlich versanden, die Wirtschafts- und Mobilitätsturbinen wieder hochgefahren werden wie bisher. China macht das gerade vor, um den Wachstumseinbruch in Grenzen zu halten. Die Regierung Trump kündigt es unabhängig von der … weiterlesen