Es ist schon erstaunlich, dass bei dem lebensverachtenden Umgang mit Tieren zu Land, Wasser und in der Luft das Schicksal jenes einen Wales in der Ostsee solche Aufmerksamkeit hervorruft. So, als wollte man an diesem Tier und seinem Schicksal des Menschen Gräueltaten kathartisch ein wenig reinwaschen. Durch den Einsatz von Schlauchbooten, Schiffen, Baggern und unzähligen Meereswissenschaftlern – dargeboten immer zur besten Sendezeit und auf allen medialen Kanälen. Die voyeuristischen Leidenstouristen vor Ort nicht zu vergessen. Und an den heimischen Geräten wird mitgelitten.
Das Schicksal dieses Wals rührt an, wohl jeden Menschen, der ein empfindungsfähiges Herz hat. Das riesige Säugetier, dessen Gattung zu den intelligentesten Lebewesen der Erde gehört: komplex kommunikativ, kreativ und problemlösungsorientiert; ausgestattet mit hoher Empathie und Hinweisen auf Jenes, was wir beim Menschen Selbstbewusstsein nennen.
Es rührt uns in diesem einen Wesen das Leiden der sogenannten Kreatur. Wobei in dem Begriff „Kreatur“ bereits etwas Minderndes mitschwingt; als handele es sich um etwas, was halt auch noch so da ist neben dem Menschen. Und das in diesem speziellen Fall unseren Schutz braucht in spektakulärer Not. Wobei durchaus darüber nachzuspüren wäre, ob der beste Schutz vielleicht darin bestünde, es zu lassen, in Ruhe zu lassen und ihm Raum zu geben. Ohne Menschen in der Nähe, also ohne das auf einmal so besorgte Raubtier. „Vielleicht will der Wal in Ruhe sterben und nicht bis zum völlig geschwächten Ende unter Intensivbetreuung stehen“ – möchte man rufen. Um zu hören: „Wir meinen es doch nur gut“.
Wie immer das Geschehnis ausgeht: Die Frage bleibt, was an diesem Medienspektakel, das die aktuellen Kriege und restlichen Zivilisationsdesaster zeitweise in den Hintergrund drängt, besonders ist?
Es wird wohl so sein, dass uns in dem Schicksal dieses schwimmenden Seins das Leiden des Lebens an sich berührt. Es uns ins Herz getroffen hat. Ganz konkret und nicht als abstraktes „Artensterben“. Hier wird etwas spürbar von unserer oft so zugeschütteten Lebensverbundenheit, aber auch der Schuld, auf die bezogen wir nur meinen, sie mit ein wenig Mitleid betäuben zu können. So wie das allenthalben ja auch nur vorübergehend gelingt, wenn die Barbarei auf den Schlachtfeldern, in den Schlachthöfen und in den Verwüstungen von Flora und Fauna momenthaft kompensiert werden durch das Mitempfinden für verwahrloste Straßenhunde und die in einem Gully eingeklemmte Katze. Als Video…
Dieser Wal kann angeschaut werden als Symbol für den Karfreitag der Schöpfung. Unser Berührtsein zeigt, zu welcher Empathie, ja Liebe wir fähig wären, auch den „Geringsten“ unter uns gegenüber. Was uns schmerzhaft in diesem Schicksal begegnet, verweist grundsätzlich auf den gemarterten Lebensprozess. Geht es doch in jeglichem Karfreitagsgeschehen, über das konkrete Opfer und die konkreten Umstände hinaus, immer um das Ganze. Was sich vor 2000 Jahren ereignete, hat das in kosmischer Dimension zum Ausdruck gebracht.
So trägt der Wal wie jedes Symbol eine Botschaft in sich, die größer ist als er selber. Sie deutet auf das Leiden von Leben schlechthin. Sie will die Sinne dafür schärfen und ihren Beitrag dazu leisten, dass wir lernen, unser Mitleid zu entgrenzen – zur Fernstenliebe hin. Jederzeit und nicht nur im Kontext medialer Inszenierungen. Damit Mensch, Mitlebewesen und Mutter Erde endlich zur Einheit im Bewusstsein des Einsseins finden. Als ultimatives österliches Geschehen. Genug Liebe in uns ist doch grundsätzlich da. Könnten wir das nur endlich verstehen! Dann würden sich die Spuren zeigen, die nach dem Kreuzweg zu einer neuen Erde führen.
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