Lebenspolitik

clausAllgemein

In Wahlkampfzeiten erblüht die Formulierung von Interessen und von Absichtserklärungen zu deren Umsetzung. Politikerinnen, Politiker und solche, die es  gerne wären, entwickeln eine Phantasie, die im alltäglichen Politikbetrieb ansonsten gerne der Kritik und Beschimpfung des „Gegners“ vorbehalten bleibt. Die Maßstäbe, an denen sich versprochene Vorhaben dabei orientieren, lauten beispielsweise:
Freiheit, Gerechtigkeit, Wachstum, Fortschritt, Wohlstand, Wandel, Sicherheit, Klimaschutz
Natürlich sind diese Begriffe, unabhängig von einer Partei, in beliebigen Konstellationen zu variieren und zu plakatieren. Da ist dann nichts falsch, alles klingt irgendwie gut und beruhigend, kommt inhaltlich auf völlig undramatische Weise leer daher, von möglicherweise ärgerlichen Konsequenzen für den Einzelnen entschlackt und baut so Unmut und mentalem Stress im (Wahl)Volk vor. Entsprechend sieht die dem Abstimmungstag folgende konkrete Politik – durch nahezu beliebig zu variierende Parteienbündnisse – aus, die höflich vielleicht am Treffendsten zu umschreiben wäre als: Gnadenlose Folgenlosigkeit.

Was hier ironisch klingen mag, weil ja auch alles andere einer solch komischen Tragödie nicht gerecht würde, hat gleichwohl einen todernsten Hintergrund. Es ist die fehlende verbindliche Hierarchie der Werte und eine daraus folgende Beliebigkeit. Sie hält die Türen für jedwede Interessen und Lobbyeinflüsse offen.

Worauf aber könnte, ja müsste eine verbindliche Werte- und Handlungsorientierung sich gründen – bei all dem, was wir heute wissen? In welche Beziehung wären die konkurrierenden Systeme zu stellen?

Ökosystem vor

Soziosystem vor
Technosystem

Für Ökosystem steht das Netzwerk des Lebens auf diesem Planeten. Es bildet die Grundlage von Allem, ja ist das „Alles“ schlechthin. Entsprechend gebührt ihm die uneingeschränkte Priorität. Voraussetzung für die bewusste Gestaltung des Lebens ist danach die Pflege, die Bewahrung und der Erhalt der Seins- und Lebensformen in ihrer Vielfalt. Das folgt dem Grundsatz Albert Schweitzers, dass alles Leben ist, das leben will, inmitten von Leben, das gleichfalls leben will.
Nach diesem Verständnis richtet sich die Ausgestaltung der Formen menschlichen Zusammenlebens und damit auch die Funktionsweise des Soziosystems. Die Verwirklichung menschlicher Bedürfnisse wären vor diesem Hintergrund grundsätzlich mit den Bedürfnissen nichtmenschlicher Lebensformen und Lebensprozesse abzustimmen. Die Menschheit würde so den entscheidenden Lernschritt gehen können, sich nicht länger gesondert und getrennt, sondern als integralen Teil der Schöpfung und des Lebensnetzes zu sehen und zu verstehen.
Dem Technosystem, dem wir heute gleichsam ein Eigenrecht, ja eine alles unterwandernde Eigendynamik, mit teils verheerenden Folgen zugestehen, käme in diesem Dreiklang eine veränderte Rolle zu. Die Fragen, die grundsätzlich an Entwicklung, Erprobung und Verbreitung von neuen Technologien zu stellen wären, lauten dann:
Wie vermögen sie dem Leben zu dienen?
Inwieweit können sie technische Systeme ablösen bzw. überwinden, die sich als gefährdend und destruktiv für einzelne oder unterschiedliche Lebensprozesse erwiesen haben?

Wie kann es gelingen, sie so zu gestalten und zu finanzieren, dass sie der Menschheit an sich zur Verfügung stehen und nicht nur den reichen Nationen?
Wie also wird Technologie konvivial ?

Wenn es der Menschheit gelingt, diese Hierarchie der Werte als selbstverständlich zu verinnerlichen und leidenschaftlich in Lebenspraxis zu transformieren – dann erst wird sich Nachhaltigkeit und Enkeltauglichkeit einstellen. Dann braucht es keine „Ökodiktatur“, denn dann ist das geboren, was wohl erstmals den Namen Lebenspolitik verdient.

Zum Anhören klicken Sie bitte hier
Wenn Sie meinen Blog abonnieren möchten, klicken Sie bitte hier