Passion, Vernichtung und Transformation – eine Parabel

clausAllgemein

Der Erzählgehalt einer Parabel weist in seiner Bedeutung über die Ursprungsgeschichte hinaus. In ihm verbergen sich, ähnlich wie bei einem Gleichnis, grundlegende Einsichten in den Schicksalsweg des Menschen. Herausragend steht dafür die Passionsgeschichte. Zunächst lesen wir hier von einem Geschehen, das sich vor knapp zweitausend Jahren in Palästina ereignet hat und das als Fundament für den Glaubensweg der Christenheit betrachtet werden kann. Zugleich wird ein mythisches Bild, ein Sinnbild des Menschentums schlechthin gezeichnet. Daraus wiederum können wir eine Prophezeiung ableiten für unser Hindurch und das Wohin.

Die Passionsgeschichte spitzt den Lebensweg des göttlichen Propheten in einer außergewöhnlichen Dramatik zu. Bis dahin war er getragen von Lehre, Ermahnung, Trost und Heilung. Alles war enthalten, alles gesagt, für so vieles Beispiel gegeben. Und blieb letztendlich doch, von wenigen Einsichtigen abgesehen, wie in den Wind gesprochen. Dann das Leiden und der Niedergang. Ein Exempel des Scheiterns. Leere folgt, die uneinsehbare dunkle Nacht. Schließlich das Neue, oder besser, Verwandelte, das eintritt in die Welt.

Übertragen wir diese Geschichte auf den Gang durch unsere Evolution, so gilt es zu konstatieren, dass die Menschheit nun selber am Beginn eines globalen Karfreitagsgeschehens steht. Die durch die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch gesprochenen Worte, die Verkündigung von Weisheit und Einsicht, schmerzvollste Erfahrungen und auch die so mannigfach gegebenen leuchtenden Beispiele seitens so vieler Frauen und Männer waren gewiss nicht umsonst. Doch den Niedergang und die Nichtung, die aus Uneinsichtigkeit, Gier und Bequemlichkeit zumeist folgen, können sie nicht aufhalten. Das Anthropozän, jenes Menschheitszeitalter, das die Erde dorthin geführt hat, wo sie nun steht, neigt sich dem Ende zu. Diese Neigung wird drastisch ausfallen. Die Gleichzeitigkeit von Artenvernichtung, Klimaexzessen, Kriegsgeschehen und Nahrungsmittelknappheit inmitten einer noch immer wachsenden Menschheit gibt eine erste Ahnung, welches Kreuz wir selbst gewählt haben und nun werden tragen müssen.
Aus dieser Wahrnehmung spricht kein Kulturpessimismus oder apokalyptischer Defätismus, eher eine unsentimentale Nüchternheit. Denn all das folgt nur dem Grundgesetz des Werdens und Vergehens, des Aufstiegs und Falls der Kulturen, der Beziehung von Ausbeuten und Ausbluten.

Sturz und Tod von Kulturen treten genauso wenig plötzlich ein, wie die mögliche Transformation in der Nacht der Besinnung. Beides wird deshalb in vielen Menschheitsgenerationen langsam ineinander über gehen. Im überfälligen Absterben des Alten bildet sich der Humus des Neuen. Dessen Anteile nehmen in diesem Prozess schrittweise zu. Vorausgesetzt, die alternativlose neue Grundorientierung wurde wirklich verstanden – nämlich nach einem Weg vom Homo Extinctor, dem Vernichter, zum Homo Convivialis, dem Lebensdienlichen, zu suchen. In dem sich dann vollziehenden Geschehen sollte die Phase, die zwischen „Tod“ und „Auferstehung“ liegt, nicht gering geschätzt werden. Im Gegenteil. Es ist die Entscheidende! Hier geschieht die Transformation, die Wandlung – ruhend auf den Trümmern der alten, getränkt von der Sehnsucht nach einer neuen Welt.

In der christlichen Passionszeit wird die Herausforderung des Tages, der auf  Karfreitag folgt, durch österliche Vorfreude und Vorbereitung des Festes zumeist übersehen. Dabei liegt hier der Raum unermesslicher Dunkelheit und Tiefe, der Zwischenraum. Gleichwohl ist er nicht nur ein Dazwischen. Er trägt seine ganz eigene Bedeutung. Er hält das sogenannte „Nichts“, die formlose „Leere“ in der Schwebe. Sie braucht es, damit etwas sich vorbereiten und bilden kann, das irgendwann als neue Gestalt ins Licht tritt und nicht nur als etwas bereits Bekanntes in lediglich neuem Gewand. Deshalb sollte hier auch nicht mehr von Auferstehung und Wiedereintritt gesprochen werden, sondern von einer Neugeburt aus der Asche des Verblichenen. Im Feuer des Bewusstseinswandels darf nichts überdauern, was zuvor in den Niedergang führte. Das unterscheidet die gegenwärtige Erdzeitstunde von allen vorherigen, in denen auch kleinere Mutationen hinreichend waren, um den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen.

Solches österliche Geschehen wird alle Energie brauchen; ein tiefes Empfinden für das Leben; und ein unbedingtes, von Herzenergie geführtes Wollen. Nicht weiterhin darf Aufbruchsgeist sich von einer visionslosen Politik- und Weltgestaltung narkotisieren lassen, die im Gestus des Sich-Kümmerns lediglich bestandswahrend herum pragmatisiert.

Keine Kurskorrektur liegt also vor der Menschheit. Das Reiseziel selber der bisherigen Geschichte gilt es genauso in Frage zu stellen wie die gewählten Transportmittel. Diese Einsicht wird lange Zeiten benötigen, bis sie sich als neues Bewusstsein im geistigen Raum der Menschheit niedergelassen hat. Davor, aber auch dazu liegt die dunkle Nacht der Besinnung. Es gibt keine Abkürzung. Ansonsten stürzten wir schnell in alte Muster zurück.

Für die gerade Lebenden mag dieser Gedanke vielleicht schmerzlich und in den alltäglichen Folgen gewiss entbehrungsreich sein. Doch das Hindurch, wenn wir ahnen, wohin wir wollen, kann auch als Gnade, weil überfällige Möglichkeit zum Dienst an den Kommenden empfunden werden. Dazu braucht es Vertrauen in die Windungen des Lebens, Wagemut, Tapferkeit und Selbstachtung. Genau daran will die Passionszeit erinnern. Sie sollte sich demnach nicht in einer sentimentalen Verklärung von Vergangenem und in Klageliedern erschöpfen. Gefordert ist das sich umfassend Einlassen auf das Geschehen, auf dessen Mitte wir uns zubewegen. Und auch wenn es erst weit vor uns liegende Generationen sein werden, die vielleicht den Durchbruch des Lichts, als Fruchtbarkeit bewältigter Niederlagen, erleben – es ist die Sehnsucht dorthin, die nicht nur aushalten lässt, sondern den Weg beleuchtet und die Schöpfungsenergie, die überall vorhanden ist, befreit.

Illustration: Jan Rieckhoff
https://www.illurieckhoff.de/

Manchmal denke ich, dass doch eigentlich schon alles gesagt ist. Wie auch immer…
Ich mache bis nach Ostern eine Blog-Pause – allerdings nicht, ohne vorher Jan Rieckhoff aus Hamburg gedankt zu haben, der wieder einmal ein starkes Bild zu meinem Text entworfen hat.
Alles Gute Ihnen!
Ihr Claus Eurich

 

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