Leben im Interim

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Der Traum von einer friedlichen und mit dem Leben versöhnten Welt kann selbst nur so lange in Frieden leben, wie er es schafft, von dem brutalen Widerspruch, der sich Realität nennt, nicht vergiftet zu werden.
Ein Land überfällt rücksichtslos den Bruderstaat. Der wehrt sich, nimmt sein Elementarrecht auf Verteidigung in Anspruch. Er fordert Unterstützung, vor allem Waffen. „Nie wieder Krieg“ hörst du dich denken. „Frieden schaffen mit immer weniger Waffen“ ruft dein historisches Gewissen. „Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen, mit Sanftmut und der Hoffnung auf Einsicht keinen Aggressor abwehren und kein Leben schützen“ notiert sachlich der advocatus diaboli in dir.

Eine noch zutiefst unversöhnte und in sich zerrissene Welt schafft solche Situationen. Sie konfrontieren mit dem Grundwiderspruch von seliger Hoffnung und den unbarmherzigen und kleingeistigen Niederungen des Alltags. Seit Menschengedenken begleitet diese unüberwindbar scheinende Diskrepanz das Bemühen um ein Miteinander in Vielfalt und Gewaltfreiheit. Der düstere Schatten, der sich immer zwischen die visionäre Idee und die Wirklichkeit des Zusammenlebens legt, scheint unverdrängbar. Was es schon für die Beziehungsebene Mensch-Mensch nüchtern zu konstatieren ist, gilt um so drastischer für unseren Umgang mit der Tier- und Pflanzenwelt.

Zwei Reiche leben im Bewusstsein unserer Kultur und auch in so manchem einzelnen Menschen:
Das Irdische. Es genießt den Reichtum des Lebens, bricht zu immer neuen Ufern auf, dürstet nach Liebe. Oft ist es aber auch Armut und Verzweiflung verfallen. Und nur zu oft folgt es den Begierden, Bedürfnissen, Ich-Bezogenheiten und Unbarmherzigkeiten.
Das Geistige. Von Idealen getränkt, streckt es sich nach Harmonie und Schönheit. In ihm vollzieht sich die innere Ausrichtung im Streben nach Friedfertigkeit und dem Einssein mit allem Leben. Der Mensch wendet sein Edelstes hin zur Welt. Dort gleichwohl fasst es keinen Fuß, stößt es kaum auf Resonanz.

Beide Reiche scheinen unvereinbar. Das erste obsiegt im Tagesgeschäft von Politik, Wirtschaft und alltäglicher Daseinsvorsorge. Seine eingespielten Routinen und Mechanismen von Macht und Gewalt erdrücken jeden nachhaltigen Aufbruch ins Humanum und verweisen substantielle Feinheiten in den Elfenbeinturm der Hoffnung. Dort sind sie zur Untätigkeit verurteilt, bieten aber einen geistigen Fluchtraum, wenn die sogenannte Realexistenz nicht mehr auszuhalten ist. Hier werden dann auch die beschwichtigenden Sonntagsreden der politischen Kaste verfasst, die gelegentlich zur Gewissensberuhigung vorbeischaut.

Die Lehre von den zwei Reichen ist alt. Von biblischen Deutungen her kommend, sprach Aurelio Augustinus, dualistisch zugespitzt, von der civitas terrena, dem irdischen Staat, in teuflischer Hand; ihm stellte er die civitas dei, den Gottesstaat gegenüber, der sich in einem großen kosmischen Endkampf letztendlich durchsetzen wird.
Bekannt ist auch die entsprechende Geschichtsdeutung von Martin Luther, der ein geistliches Reich sah, in dem bereits das Evangelium herrscht. Daneben setzte er das von Sünde geprägte weltliche. Doch auch bei allem, was noch vom irdischen Gesetz bestimmt ist, soll, so Luther, die gute Nachricht der Liebe durchscheinen und die Menschen ermutigen, Bürger im Reich Gottes zu werden.

Wie bei so vielem ruht die lebbare Perspektive im Interim, in der Schwebe zwischen schon jetzt und noch nicht. Das ideale Sein, auch wenn wir es noch nicht errichten können, muss doch schon jetzt den Alltag auf der Suche nach jenen Kompromissen bestimmen, in denen bei aller Nüchternheit der ersehnte Weg immer sichtbar und in Reichweite bleibt. Der Frieden mit dem Leben ist als Vision gerufen, alle entsprechenden Handlungsoptionen auszuloten und die Umsetzung zu bestimmen. Und dazu gehört bestimmt nicht, sich ob einer obskuren Sicherheitsvorstellung in immer neue Dimensionen hinein aufzurüsten, und so Gewalt und Vernichtung in hoher Wahrscheinlichkeit zu halten. Gerade im Krieg ist Friedenspraxis gefordert, so wie Stille, wenn wir in Lärm und Hektik versinken und wie tiefe Atmung, wenn uns maximaler Druck beherrscht. Denn wann sonst? Wozu taugen sonst unsere entsprechenden Worte?
Die Opfer, die dafür zu erbringen sind, betreffen vor allem die Muster des gängigen Denkens und der eingeübten, reflexhaften Empfindungen und Empörungen. Diese Muster sind der Motor des alten Reiches.

Es geht also darum, an das als wahr Erkannte zu glauben und es zu vertreten, auch wenn die Umsetzung wiederholt vor Wände läuft.
Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte kurz Fassungslosigkeit ob des verheerenden historischen Debakels. Dann formierten sich, im alten Denken verblieben, die neuen Blöcke. Der Krieg wurde weiterhin in Vorbereitung gehalten. Die Menschenrechte fanden eine Formulierung, sahen sich jedoch ökonomischen Interessen, hegemonialen Ansprüchen und purer Machtgier weitgehend untergeordnet. Der Schutz von Umwelt und Mitwelt betrat die Wahrnehmung, wurde jedoch dem Wachstumsdogma geopfert.

So sieht sich schnell jegliche Zuversicht getäuscht. Gründlich. Ein daraus folgender  lähmender oder gar depressiver Schleier wird es jedoch dem scheuen Gebilde des Glaubens an eine ersehnte Welt vollends unmöglich machen, Kontur anzunehmen. Erlischt dieser Glaube, hat der Mensch sich selbst aufgegeben. Und so gilt trotz aller Debakel und allen Scheiterns, dass es allein der unerschütterliche Glaube an die neue Wirklichkeit und eine daran anknüpfende tätige Hoffnung sind, die diese Wirklichkeit auch schrittweise erzeugen. Weltliche Herrschaft, mag sie noch so totalitäre Züge tragen, hat immer nur Macht über den äußeren, leiblichen Menschen. Die Seele, den Geist und den Glauben an die neue Erde kann sie nicht wirklich bezwingen.

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