Über das Ende der Zeit

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Seien sie auf einen Atomkrieg hin orientiert, auf die Klimakrise, das Artensterben oder eine Pandemie: Außergewöhnlichen Bedrohungen scheint es eigen zu sein, dass sie mit Befürchtungen von einem Ende der Zeit einhergehen. Ja, der sogenannte Fortschritt selbst taucht dabei als todesorientierter Verursacher auf. So schrieb etwa Wladimir Solowjew (1853-1900) in „ Drei Gespräche“, veröffentlicht im Jahr 1900: „Ich bin der Meinung, daß der Fortschritt, das heißt, der bemerkbare beschleunigte Fortschritt, immer ein Symptom des Endes ist.“ Und Stanislaw Jerzy Lec (1909 – 1966), dem wir so manche „Unfrisierte Gedanken“ verdanken, über uns: „Ich würde lachen, wenn sie nicht fertig würden mit der Vernichtung der Welt – vor dem Ende der Welt.“
Lassen wir das einmal so stehen, stellt sich trotzdem die Frage, was denn mit Ende und mit Endzeit-Erwartungen gemeint ist. Oder ist Ende etwa nur eine Metapher für Ungewissheit?

Es charakterisiert den Lauf der Dinge, dass vom Anfang her kommend, die Bewegung zum Ende hin geht. Ausnahmslos. Doch was uns Menschen im Prozess der Evolution betrifft, wissen wir erfahrungsbezogen nichts über den Anfang und stehen diesbezüglich genauso in einem Niemandsland, wie hinsichtlich des Endes der Zeit.

Offenbarungen und Prophetien, wie etwa in der Apokalypse des Johannes, dem letzten Buch des Neuen Testaments, helfen auch nicht unbedingt weiter. Deren konkreter Wissensbezug und Orientierungsrahmen bewegt sich im weitestgehend Unfassbaren.

So mag eine erste Unterscheidung hilfreich sein. Es ist die zwischen dem Gang der Natur in ihren wiederkehrenden Rhythmen und zwischen dem Wirken des Menschen, das wir als Geschichte bezeichnen. Denn zur Geschichte gehören Faktoren, die wir in der Natur nicht finden, wie Freiheit, bewusste Entscheidung, Einzigkeit, schöpferische Gestaltung, systematische Vernichtung, die Natur verändernde technische Interventionen.
In der Folge sollten wir also differenzieren – zwischen einem innergeschichtlichen katastrophischen Ende der Menschheit und dem außergeschichtlichen Ende der Zeit an sich. Zu dem Letztgenannten lässt sich nichts wirklich Sinnhaftes sagen, sieht man einmal von der Banalität ab, dass irgendwann jede Sonne ausgebrannt ist und ihr Planetensystem mit in den Untergang reißt.
Bleiben wir also beim innergeschichtlichen Ende, auch wenn hier nun nicht der Eindruck entstehen soll, wir lebten inmitten einer entsprechenden Endzeit. Vielmehr geht es darum, sich der durch unser Tun und Nichttun bewirkten stetigen Nähe eines möglichen katastrophischen Einschnitts bewusst zu sein.
Ein solcher Einschnitt würde uns nämlich mit einer völlig neuen Situation konfrontieren. Wäre die ganze Erde als Lebensraum für den Menschen und für unzählige andere Arten betroffen, existierte erstmals in Geschichte kein Fluchtpunkt mehr, zu dem man aufbrechen könnte – wenn wir Mond und Mars einmal außer Acht lassen. Emigration oder Migration könnten dann nur noch als innere, geistige gedacht werden. Und auch das nur, solange das naturhafte Überleben des Menschen noch irgendwie möglich wäre.
Denn auch das gilt es ja immer mit zu bedenken, dass der Mensch Natur und Geschichte in eins ist und so unter zwei Einflusswelten steht, die seine Zeit prägen.

Warum aber ist diese Frage überhaupt von Belang?

Das Bewusstsein der potentiellen Nähe des innergeschichtlichen Endes hat den tieferen Sinn, uns in Erinnerung zu halten, dass wir Leben inmitten von Leben sind (Albert Schweitzer) und uns demzufolge eine existentielle Grundaufgabe beigegeben ist: Dem Leben zu dienen…allem Leben. Daran hängt das Sein der Zeit, darauf ist Geschichte angewiesen, sonst blutet sie langsam aus. Langsam meint, dass wir uns „Ende“ nicht als einen evolutionären Punkt vorstellen sollten, sondern als einen sich hinziehenden Prozess.

Das abrupte und absolute Ende des Lebens auf unserer Erde einzuläuten und zu besiegeln, ist uns nicht gegeben. Bei allem Wahnsinn zivilisatorischer, kriegerischer und technologischer Raserei und ihr geschuldeter Auslöschung von Leben und Lebensräumen – auch zur „Titanic“ gehören nach der Begegnung mit dem Eisberg Überlebende. Da wird also kein Ende stehen, sondern ein Weiterleben in reduzierter Masse, innerhalb reduzierter Lebensmöglichkeiten und einem ausgedünnten Netzwerk des Seins. Wie wird sich in einem solchen Geschichtsmoment die Kreatürlichkeit des Menschen entfalten? Kann man es dann als Verurteilung oder Neuberufung sehen, zu leben? Schreibt der Mensch ein neues innergeschichtliches Kapitel, oder ergibt er sich in Agonie, erkennt ob des existentiell geschwundenen Lebensraumes seinen Zustand als aussichtlos. Nur in diesem Fall muss er zusehen, wie das Alte stirbt und Neues doch nicht geboren werden kann. Dann bewegt er sich auf sein Ende zu, schließt Geschichte final ab, übergibt die Erde wieder sich selbst und ihren Rhythmen.

„In einem Theater brach hinter den Kulissen Feuer aus. Der Pierrot trat an die Rampe, um das Publikum davon zu unterrichten. Man glaubte, es sei ein Witz und applaudierte. Er wiederholte seine Mitteilung; man jubelte noch mehr. So, denke ich mir, wird die Welt eines Tages untergehen.“
(Søren Kierkegaard)

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Was die Raupe Ende der Welt nennt,
nennt der Rest der Welt Schmetterling.
(Laotse)

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