Jenseits von Gewalt – oder: Wie finden wir zu einem angemessenen Geschlechterverhältnis?

ClausAllgemein

Es ist an dieser Stelle wohl unnötig, auf das oft Unerträgliche in den Geschlechterverhältnissen näher einzugehen. Es mag genügen, auf die Probleme hinzuweisen, wenn Männer Frauen nicht respektieren, wenn sie Grenzen missachten und Gewalt in Beziehungen tragen; dass es erschrecken muss, wenn Mädchen in einer Gesellschaft aufwachsen, in der Grenzverletzungen und sexuelle Gewalt als reale Bedrohungen wahrgenommen werden, nicht selten im eigenen Zuhause und durch die Nächsten.
Jeder Einzelfall fordert Zuwendung. Die Empfindungen Betroffener und sich betroffen Fühlender verdienen wahrgenommen und respektiert zu werden. Denn sie haben ihre eigene zu akzeptierende Wahrheit, ohne dass man sich zu einer Begründung genötigt sieht und das übliche diskursive Zerfleddern durch ein erstes „…aber“ seinen Lauf nimmt. Es ist auch unerlässlich, Konkretes konkret anzuschauen, bevor die Bewegung auf eine übergeordnete Ebene mit abstrahierender Perspektive beginnt. Das Miteinander und Zueinander im Leben bewährt und bewahrheitet sich nun einmal im unmittelbaren Lebensvollzug. Irritation und Schmerzbearbeitung fordern so Priorität vor dem Grundsätzlichen, dem Gesellschaftlichen und Kulturellen.

Durch den selber übergriffigen, weil zuspitzenden und zugleich pauschalisierenden Geist der sogenannten „sozialen Medien“, aber auch Teilen der klassischen journalistischen Berichterstattung, sind wir allerdings mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem eine tiefgreifende gegenseitige Entfremdung zwischen Frauen und Männern spürbar wird. Deutlich tritt das zunächst zutage in der Betrachtung prominenter Fälle und reicht dann hinein bis in Vorgänge und Lebensgeschichten inmitten unserer sozialen Mikrowelt. Diese Entfremdung hat durchaus etwas Destruktives.  

Die zurückliegenden Jahrzehnte feministischer Diskursintensität waren nicht nur für die Gewaltfrage, sondern grundsätzlich für Geschlechtergerechtigkeit und Geschlechterwahrnehmung fundamental und historisch überfällig. Allerdings ist dabei ein zwar nachzuvollziehendes, gleichwohl teilweise krasses Ungleichgewicht hinsichtlich der unterschiedlichen Männerperspektiven festzustellen. Das Männliche, Patrigene wurde zumeist auf das mit physischer, kultureller und ökonomischer Gewalt Verbundene reduziert. Das Bedrängende und Gewalthafte in Beziehungen, das vom Weiblichen, Matrigenen ausgeht, wurde dabei fast vollständig bis hin zur Unsagbarkeit ausgeblendet, ja unterdrückt. Männer, zumindest diejenigen, die man nicht mit der Macho- und Aggressoren-Schablone einfach beiseite schieben kann, sind hier in der öffentlichen Wahrnehmung, aber auch den privaten Räumen fast völlig verstummt. Auch das gilt es wahrzunehmen und zu akzeptieren. Hier braucht es desgleichen etwas mehr Offenheit und Ehrlichkeit und den entsprechenden Mut dazu. Sonst geraten wir mehr und mehr in einen die gesunde Geschlechterpolarität übersteigenden unversöhnlichen Dualismus.

Der Großteil der – medial dominierten – Frau-Mann Diskurse befinden sich mittlerweile entsprechend auf einem besorgniserregend undifferenzierten Niveau. Das wird kurz- und mittelfristig genauso wenig zu beseitigen sein, wie jene geschlechtsspezifischen Denk- und Verhaltensweisen, die als toxisch bezeichnet werden. Dafür leben auch zu viele, sich gegenseitig fremde Kulturen und Subkulturen in unversöhnlicher Haltung miteinander.

Deshalb gilt – wie in jeglicher tiefenkulturellen Frage: Das, wovon wir träumen und als historisch notwendig betrachten, müssen wir beginnen zu leben, es in die Existenz führen. Unabhängig von den sogenannten Umständen und ohne den Blick auf „die Anderen“. Auch wenn es bedeutet, über die eigenen Schatten zu springen. Gefordert ist eine fortgeschrittene Empfindungskultur seitens beider Geschlechter. Sie geht, vom Eigenen kommend, über die Wahrnehmung des Du zum integralen Wir.
 
Gesunde, verbundene und heilende Geschlechterverhältnisse in Verbindlichkeit zu leben – geht nur ohne Ismen und ohne Ideologie. Tendiert jeder Ismus doch zur Verabsolutierung seiner Standpunkte und läuft Gefahr in totalitäres Denken abzudriften.

Personale Selbstreflexion kann sich dabei zur kulturellen, ja anthropologischen SELBSTreflexion weiten. Wir lernen uns durch das Du und das kulturelle Wir besser zu verstehen. Das erfordert Distanz zu den sozialisierten und einprogrammierten Eigenbildern mit all den konditionierten Reflexen und Verhaltensweisen. Auf uns alleine gestellt und ohne den wohlwollenden Spiegel des geschlechtlich Anderen werden wir das nicht schaffen. Aber warum sollte das nicht gehen für diejenigen, die das wollen und die sich dabei gegenseitig unterstützen. So viele Frauen und Männer sind schon unendlich weiter als die im Großen vorgespielten und im Kleinen nachgespielten Boulevard-Debatten. Manchmal braucht es die konsequenten Schritte mitten in das Neue hinein. Im Paar-Sein und in Gemeinschaften, die sich genau deswegen auf den Weg machen. Die sich im Gehen vom Ballast schwer wiegender Vergangenheit befreien. Mit Respekt, unaufdringlicher Zugewandtheit, hoher Fehlertoleranz und Vergebungsbereitschaft.

Das wird kaum gelingen, ohne sich immer wieder auch in Achterbahnen der Gefühle wiederzufinden. Dann allerdings erkennend, dass wir für unsere Gefühle im Letzten selbst verantwortlich sind und in der Folge die entsprechende Verantwortung dafür übernehmen.
Ein neues Verhältnis der Geschlechter zueinander und miteinander setzt Reife und eine entsprechende Selbstgewissheit voraus.

Zum Anhören klicken Sie bitte hier
Wenn Sie meinen Blog abonnieren möchten, klicken Sie bitte hier

Ich mache eine kurze Schreibpause…