Wer kennt diese Geschichte, und gar ihr Ende überhaupt noch?
Und wer respektiert ihre Botschaft für das eigene Leben und dessen Umfeld?
Nach dem biblischen Buch Genesis erschuf die Gottheit am ersten Tag das Licht und trennte es von der Finsternis. Die Erschaffung des Himmelsgewölbes und das Scheiden von Wasser und Luft füllten den zweiten Tag, bevor am Dritten nach der Trennung von Wasser und Land die Vegetation entstand. Sonne, Mond und Sterne treten am vierten Tag in die Wirklichkeit und gehen Meeresbewohnern und den Vögeln am Himmel voraus. Schließlich folgen am Tag sechs die Tiere des Landes und der Mensch in den beiden Geschlechtern von Frau und Mann.
Damit hätte es genug sein können, doch erst der siebte Tag vollendete das Schöpfungswerk mit seiner bescheidenen Krone: Der Heiligung des Geschaffenen und der Ruhe.
Segnung und Heiligung bedürfen der Ruhe und einer Stille, die sie trägt und hält. Ruhe und Stille schließen eine Phase ab und unterbrechen das Tun. So führen sie in die Besinnung, schaffen neuen Raum durch Leere, bevor die gesammelten und regenerierten Kräfte sich neu auszurichten vermögen, sie bereit sind für den achten Tag.
Äonen später hat der Mensch die Fortsetzung des Schöpfungswerkes an sich gerissen. Er wirkt und verändert. Er kultiviert das Reich des Geistes mit außerordentlichen Hervorbringungen. Er vernichtet und rottet aus. Er bringt das technische Universum als Neuschöpfung hervor und an die Macht. Das Organische verliert seinen Status als Primus, wird degradiert zur Dienstmagd und Ausbeutungsmasse. Und all das ohne Unterlass. Mit dem Wüten des sogenannten Fortschritts ist die Heiligung der Ruhe verschwunden. Ja sie gilt als Störfaktor für ein Immer-Schneller und Immer-Mehr. Vielleicht ist es aber gleichzeitig auch so, dass erst die schrittweise Verdrängung des Sabbat und einer darauf bezogenen Einstellung das ermöglichte, woran das Leben heute leidet: Rastloser Lärm in sinnentleertem Bilderrauschen, technischer Fortschritt um seiner selber willen und das Ersticken von Sinn im Vollzug des Seins.
Die Betonung von Ruhe und Stille durchzieht die Weisheitsschriften als Mahnung und Verheißung. „In der Stille liegt die Kraft“ spricht ein altes chinesisches Wort. „Als tiefes Schweigen das All umfing, da sprang Dein allmächtiges Wort vom Himmel“ schildert das biblische Buch der Weisheit. Dass die Stille der Selbstkenntnis und Gottverbindung dient, betonen die Veden. Stille und Ruhe erscheinen in solchen Kontexten nicht nur als Abwesenheit von Lärm und Chaos oder gar als Langeweile und Müßiggang: Sie stehen für ein aktives, klärendes und kreatives Geschehen – in zurückgenommener Weise. Ja, sie erscheinen als geradezu notwendige Bedingung für Erkenntnis und Annäherung an das Göttliche.
Wer sie würdigt, dem generieren Ruhe und Stille einen Quellraum von Verzauberung und Veredlung. Anmutig bewegt sich dort eine ganz eigene Schönheit, hören wir die Herzenssprache aus dem Raum des Numinosen. Sich entsprechend zu orientieren, sich in die Pendelbewegung von Aktion und Kontemplation einzuschwingen und darauf bewusst einzulassen, ist die subtilste und zugleich effektivste Form von Widerstand gegenüber der blinden Raserei unserer Zeit.
„Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“ war ein beliebtes Graffiti der Friedensbewegung in den achtziger Jahren.
„Stell dir vor, wie es wäre, wenn inmitten der Raserei und ihrer medialen Betäubung Stille ausbricht und Ruhe einkehrt.“
Die Feier des siebten Tages kann dafür als Hilfestellung, Wegweisung und Einladung dienen. Entscheidend wird am Ende aber sein, wie Innehalten, Stille und Besinnung als unwiderstehliche Sehnsuchtsregung Heimat in uns finden.
Zum höchsten Tun wird dann das Nichttun und zur heilenden Aktivität, die weder raubt, noch Gewalt antut oder gar nichtet.
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