Vergebung entlastet das Zwischenmenschliche. Gruppen, Völkern und Nationen bereitet sie den Friedensweg. Sie ist dabei nicht nur auf den Moment gerichtet, sondern weit in die Vergangenheit und die Zukunft hinein. Als außerordentliche Anforderung schließt sie ein, sich selbst zu vergeben und damit entwicklungsfähig zu halten.
In den abrahamitische Religionen spielt Vergebung vor allem eine Rolle als das von Gott her Erbetene. Im Judentum ist dafür Jom Kippur als Tag der Buße und der Versöhnung der höchster Feiertag. Im Islam dient der Fastenmonat Ramadan u. A. der versöhnenden Zuwendung. Im Christentum ist Vergebung in dem Sakrament der Beichte institutionalisiert. Doch reicht sie hier zugleich weit darüber hinaus. Wer selbst Vergebung von Gott erbittet bzw. erwartet, muss selbstverständlich auch seinen Mitmenschen vergeben. (Matthäus 18,22)
Diese vom Menschen durch eine entsprechende innere Haltung ausgehende Vergebung ist im religiösen Universum eigen und einzig – gerade auch, weil sie an weitgehende Bedingungslosigkeit gebunden ist und nicht an Wiedergutmachung. Erst Bedingungslosigkeit schafft wirkliche Freiheit. Wenn Jesus zur ertappten Ehebrecherin sagt: „Ich verurteile dich nicht“ – erst dann erhält sie das Bewusstsein von Handlungsautonomie, die ersehnten Wandel ermöglicht; gestützt durch die Erinnerung: „Sündige hinfort nicht mehr“.
Der Mensch tendiert dazu, Vergebung als einen singulären Akt zu sehen. Im jesuanischen Verständnis ist das Vergeben allerdings eine Seinshaltung, dem unantastbaren ethischen Fundament zugehörig. Das gibt ihm auch jene Attitüde des Selbstverständlichen, die vor Anmaßung und Vergebungsstolz schützt.
Ist Vergebung an Wiedergutmachung gebunden oder ist ihr gar das archaische „Auge um Auge…“ bzw. das Recht auf Rache vorgeschaltet, wird der gegenseitige Hader nie verschwinden. Vergebung ist kein Wettbewerb und keine Frage von Berechnung und Abrechnung. Sie folgt dem Ebenmaß der Schönheit und den Notwendigkeiten zur Wiederherstellung der Bedingungen für Liebe. So erhebt sie sich auch über jegliches Gesetz.
Zu einem unbekannten Land auf dem Terrain des Gewohnten öffnet Vergebung die Tür. Sie bietet dem Geist die Freiheit, sich zu orientieren und ermöglicht überhaupt erst, dass wir aus dem Geistraum heraus neu berührt werden. Der vergebende Mensch begegnet sich in verwandelter Form. So steht Vergebung in engem Zusammenhang mit dem, was wir Wunder nennen.
Die außerordentliche Kraft der Vergebung strahlt nach Innen, in Geist, Herz und Seele. Sie vermag Unfrieden zu heilen. Destruktive Gefühle wie Hass, Verbitterung und Rachegedanken werden leiser, bis sie ganz im Raum durchstandener Niederlagen und überwundener Vergangenheit verschwinden. Seelenlasten fallen ab bei dem Vergebenden und Jenem, der Vergebung erfuhr. Dabei muss der Akt des Vergebens nicht nach Außen kommuniziert sein, sondern er kann sich auch als inneres Geschehen vollenden. Reine Vergebungsenergie wirkt auf stillen Wegen in transpersonalen Feldern.
Im Akt des Vergebens wird geschehenes Unrecht nicht ausradiert. Aber Geschichte erhält eine Chance, sich neu zu öffnen.
Deutschland 1945. Die Bilanz von Schuld, Schrecken und Grauen liegt vor. Sie ragt über das Unermessliche hinaus, weit jenseits des zivilisatorisch Beschreibbaren. Dass bei aller Schuld ein Land sich neu erkennen und entwerfen konnte, wäre ohne die einem Wunder gleichende Bereitschaft zur Vergebung seitens der überfallenen Nachbarländer und der verfolgten und massakrierten Menschengruppen nicht denkbar gewesen. Das Unrecht bleibt ein düsterer Schatten in der Geschichte und mahnendes Denkmal für alle Kommenden. Doch Vergebung hat es ermöglicht, in der Beschwernis Raum für unbefangene Bewegung, ehrliche Reue, Aufarbeitung und Neuorientierung zu finden. Das Gegenteil war mit dem Vergeltungsfrieden von Versailles knapp 30 Jahre vorher verbunden.
Vergebung akzeptiert das Unrecht nicht. Sie benennt Schuld und ist sich über die Rollenverteilung im Klaren. Aber sie geht über den Schuldvorwurf hinaus und erinnert sich an das „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ (Matthäus 6,12). Je nach Tiefe der erlittenen Verletzung reicht die Skala des Vergebens bis hin zu übermenschlichem Mut. Der kann nur aufgebracht werden von Jenen, die dieses als Gnade und nicht lediglich als eine eigene Leistung erkennen und empfinden.
Mancher Schmerz, der an sich nicht zu ertragen wäre, erfährt nur dann Linderung, wenn wir bereit sind, ihn an das uns Übersteigende zu übergeben. Manches von Mitmenschen verursachte Widerfahrnis kann seine versklavende Macht nur durch Vergebung genommen werden. Dieses Paradox wird das zwischen Gut und Böse sich bewegende Zwitterwesen Mensch auf ewig begleiten. Jeder Akt aufrichtiger Vergebung rückt bzw. läutert uns jedoch weiter fort von der Unheilsenergie des Bösen.
Zum Anhören klicken Sie bitte hier
Wenn Sie meinen Blog abonnieren möchten, klicken Sie bitte hier

