Journalismus desaströs – ein Zwischenruf

clausAllgemein

Von vorneherein sei klargestellt: Wir verdanken dem Qualitätsjournalismus nahezu alles an aufbereitetem Wissen, das die öffentlichen gesellschaftlichen Diskurse bestimmt. Dazu gehören aufgedeckte politische Skandale, Hintergrundwissen in den bedeutendsten gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen sowie meinungsbildende Klarheit. Professioneller und unabhängiger Journalismus ist für Demokratie und Menschenrechte konstitutiv. Und dies sollte gerade in einer Zeit erinnert werden, in der ein Donald Trump, ein Boris Johnson und gelegentlich auch ein Friedrich Merz ihn grundlegend in Frage stellen.
Der Qualitätsjournalismus in Deutschland, Österreich und der Schweiz befindet sich weltweit zudem in einer außerordentlichen Position, was Vielfalt, Solidität und Integrität betrifft.
Um so verheerender ist das, was wir gerade in der Corona-Zwischenzeit erleben.

Um auch dies klarzustellen: Die Zeit ist eine außergewöhnliche. Sie bedarf entsprechend außergewöhnlicher informationeller Zuwendung. Doch dies darf nicht dazu führen, dass Leben, dass Welt und Weltwahrnehmung auf ein einziges Thema reduziert werden. Es ist seit jeher ein Manko im Journalismus, dass die Reflektion darüber fehlt, was durch Berichterstattung in den Köpfen und Empfindungen der Menschen verursacht wird. Und so gut wie alles, was wir an Weltvorstellungen in uns tragen, ist nun einmal in dieser Epoche medial bestimmt. Entsprechend unverzichtbar ist es, die Vielfalt der Welt entsprechend widerzuspiegeln und das sicherzustellen, was verfassungsrechtlich den Namen „informationelle Grundversorgung“ trägt. In Krisenzeiten gilt dies noch einmal besonders.
 
Im Moment erleben wir darauf bezogen ein einziges Desaster. Das System Journalismus versagt in seiner wohl herausforderndsten Stunde der jüngeren Gegenwart. Es gibt nur noch Corona, in endlosen Wiederholungen des bereits mehrfach Verlautbarten und ständigen Spekulationen über mögliche Folgen. Wir erleben nicht nur gravierende Einschnitte seitens der Politik, was Grund- und Menschenrechte betrifft; dies wird auch noch flankiert von einem Journalismus, der sich in seiner Panikverliebtheit als analoge und digitale Bevormundungsmaschine gibt. Als wären wir ein Volk von kleinen Kindern. Von früh am Morgen bis spät in den Abend immer wieder die selben Parolen, was Menschen zu tun und was sie zu lassen haben. Dazwischen Mundschutzdebatten in epischer Länge, ohne jeglichen Erkenntnisfortschritt; denn was heute galt, bewertet irgendein Virologe morgen dann doch anders…vielleicht ein Anlass für eine Sondersendung?

Denkt irgendein Verantwortlicher auf Chefredakteurs-, Intendanten- oder Verlegerebene – und ich spreche hier bewusst nicht von den Redakteurinnen und Redakteuren, die sich ernsthaft und krampfhaft zugleich bemühen, immer neue Facetten eines möglichen Corona-Bezugs zu finden… denkt also irgendein Verantwortlicher einmal darüber nach, woher es kommt, dass immer mehr Menschen in Panik verfallen, Ängste entwickeln, sich ihnen die Welt als bedroht und düster darstellt?
Wir hören, sehen und lesen nichts anderes mehr. Man entzieht uns Welt. Für eine Mediengesellschaft, wie die unsere, hat das totalitäre Züge, auch wenn es sich ernsthaft und kümmernd gibt und irgendwo ja auch gut gemeint ist.

Umweltfragen?
Klimakrise?
Die unzähligen Kriege auf der Erde?
Das unermessliche Leiden der Geflüchteten?
Der tägliche Tod vieltausender Kinder weltweit aufgrund von fehlender medizinischer Versorgung, Mangelernährung und fehlendem Zugang zu sauberem Wasser?
Die permanent verletzte Würde der Kreatur?
Die Schönheit des Seins?
Der neugierige Blick in andere Kulturen?
….Keine Themen zur Zeit…

Kaum andere Länder auf der Erde verfügen über ein solch exzellentes Netz an Korrespondenten; kaum andere Länder können einen so hohen Grad an hervorragend ausgebildeten Journalist/innen vorweisen wie Deutschland, Österreich und die Schweiz. Aber wir hören ihre Stimmen kaum mehr, ihre Kompetenz muss ruhen, weil nur noch ein Thema absolutistisch regiert.

Das ist eine Unterhöhlung des Verfassungsauftrags.
Es ist ein Missbrauch der informationellen Monopolstellung eines exponierten Berufsstandes.
Das verletzt die Solidarität mit der Welt außerhalb.
Es manipuliert den Bewusstseinsstrom der Menschen in nicht zu entschuldigender Weise.
Ganz unabhängig davon, dass es unerträglich nervt…

Dass das politische und ökonomische System seine Fähigkeit weitgehend verloren hat, zu sich selbst grundlegend in Distanz und in Reflexion zu treten, zeichnet nun einmal Machterhaltungsprozesse aus. Das ist schon erschreckend genug. Wir haben allerdings ein wirkliches Problem, wenn auch diejenigen, die laut Verfassung für eben die „Kritik und Kontrolle“ dieses Systems zuständig sind und für Informations- und Meinungsvielfalt jenseits amtlicher und halbamtlicher Verlautbarungen zu sorgen haben, an dieser Kernaufgabe wissentlich scheitern.

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