Wider den Aber-Geist

clausAllgemein

„Lass dich nie auf den Aber-Geist ein, nach dem alles ein böses Ende nimmt, alles sich von der dunklen Seite zeigt…Sieh lieber zu, dass du Werkzeug des guten Geistes wirst.“ (Petrus Faber, 1506-1546, Mitbegründer des Jesuiten-Ordens)

Hinter nahezu jedem Gedanken lauert der Widerspruch. Keine These kann sich halten ohne Antithese. Das ist das Fundament dialektischer Prozesse, ja von Entwicklung. Das Positive des Aber als Erkenntnisprinzip gilt es also nicht in Frage zu stellen. Es ist ein wahrhaftiger, geradezu evolutionärer Grundsatz. Auch das Aber in der Politik und in gesellschaftlichen Fragen und Prozessen hat seinen berechtigten Platz. Im günstigen Falle dient es der Verfeinerung und Vertiefung von Argumenten, die schließlich zur Entscheidungsgrundlage führen. Im negativen Falle allerdings gereicht es nur noch zu Entscheidungsfindungen, die als sogenannte Kompromisse in verwässerter Mittelmäßigkeit enden. Das nennt man dann einen demokratischen Prozess, der im Ergebnis möglichst niemandem wehtut, drängende Probleme und deren mutige Bewältigung jedoch in die Zukunft und die dann davon Betroffenen verlagert.

Und dann wäre da noch der ewig widerständige und nörgelnde Aber-Geist, in dem sich Formulierung oder Haltung des Aber gleichsam als Charakterzug und blockierende Energie hinsichtlich allem zu erkennen geben, was den Namen „Veränderung“ trägt. Solches Aber wirkt in gesellschaftlichen und kulturellen Krisensituationen als destruktives, ja lähmendes Gift. Es entzieht einer unmissverständlichen Handlungsorientierung das gefestigte Fundament, von dem jeder Aufbruch aus sich erheben und bewegen will.

Schauen wir hin. Eine Ausgangslage ist unmissverständlich. Die Fakten stehen außer Zweifel. Um wenigstens Schlimmstes zu verhindern, wie etwa hinsichtlich der Erderwärmung, des Artenschutzes oder der Durchsetzung von Menschen- und Lebensrechten, sind entsprechend klare Konsequenzen eigentlich alternativlos; selbst wenn Schritte in Betracht gezogen werden, zu denen es möglicherweise Alternativen gäbe, selbst wenn sich im nun angestoßenen Prozess das eine oder andere als partieller Irrtum herausstellen sollte, was jedoch eben nur die Praxis und das Unterwegssein zeigen können.
Dann kommt aus verschiedenen Richtungen das Aber. Sei es um des Widersprechens selber willen; sei es durch politische Prostituierte in den Parlamenten, die sich Lobbyinteressen verschrieben haben; sei es um des eigenen kurzfristigen Vorteils oder auch einfach nur der Ablehnung der Handlungsträger willen; sei es aufgrund eigener Geltungssucht.
Da, wo es 100 Prozent bräuchte, um wahrhaft durchzustarten, sind nun Energieräuber im Spiel. Aus dem Prozess, der noch gar nicht richtig begonnen hat, wird Schwung abgesaugt. Klarheit trübt sich ein, ja das Selbstbewusstsein der zum Handeln auserwählten Personen mag geschwächt werden. Mit dem Aber hat der Zweifel die Arena betreten.

Durchbruchs- und Aufstiegsenergie lebt vom Unmissverständlichen. Läßt sich ein Pilot im Prozess des Startens von Unsicherheit erfassen und gibt nicht vollen Schub, bekommt der Flieger den Hintern nicht hoch und landet jenseits der Rollbahn im Gebüsch. So wie wir normalerweise dem Piloten vertrauen und beim Start kein Aber in das Cockpit brüllen, gilt es auch, sich in Zurückhaltung zu üben, wenn ein Aufbruch beginnt, der dem Leben dienen will – gereift in Überzeugung und Klarheit.

Die Zeit drängt. Wir tragen Verantwortung. Sind auf dem Weg. Dann kommt eine Weggabelung. Wir kennen die richtige Richtung nicht. Langes Zögern ist jedoch ausgeschlossen. Und so befragen wir unsere auf Erfahrung beruhende innere Stimme und folgen dem Ruf der Intuition. Ab jetzt ohne wenn und aber. Das Risiko ist immer Teil des Spiels, wenn der Abgrund droht. In einem seiner letzten Interviews sagte der Verantwortungsethiker Hans Jonas (1903-1993) angesichts des Zustands der Erde im SPIEGEL: „Wenn ich als Kapitän eines Tankers auf der Brücke stehe und erkenne, dass das Schiff auf einen Eisberg zusteuert, fange ich nicht an und lasse die Mannschaft diskutieren, welche Richtung wir einschlagen.“

Weggabelungen und lauernde Abgründe begegnen dem Menschen und der Menschheit allenthalben. Im kleinen privaten Leben genau wie in den großen globalen Existenzfragen. Dann braucht es Besinnung, hohe Achtsamkeit, Entschlossenheit und Tapferkeit in der unbeirrten Umsetzung. Im nun begonnen Prozess wächst das nötige Vertrauen während des Gehens. Dieses Vertrauen wird alles andere als blind sein. Und dann mag sich das ereignen, was Hilde Domin (1909-2006) so formulierte: „Ich setzte den Fuß in die Luft, und siehe, sie trug.“

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