Das Gefühl und die Erkenntnis

clausAllgemein

Es durchzieht das Tiefenverständnis unserer Kultur, dass Wissen und Erkenntnis auf rationaler Analyse beruhen. Gefühle und Emotionen haben da keinen Platz. Sie bringen Unschärfen ins Spiel, sind sie doch mehr oder weniger beliebig und zudem äußerst schwankend. Sagt man.
Das scheint mir jedoch eine folgenschwere Verkennung zu sein. Denn der Mensch ist Gefühl! Es gibt keinen Moment, in dem wir nicht in einem Gefühl und einer Empfindung leben. Sie steuern unsere sinnliche Erfahrung, die wiederum den Geist erdet und ihn ans Leben bindet. Es ist somit höchste Achtsamkeit hinsichtlich unserer Gefühle und Empfindungen notwendig, wenn wir verstehen wollen, warum wir etwas wie wahrnehmen. Wer sich nicht bewusst ist, welche Gefühle in ihm leben, wie sie zustande gekommen sind und seine Person prägen, droht fortwährend Täuschungen zu erliegen. Er missachtet, was seine Wahrnehmungen und seine Gewissheiten steuert. So wird er dann all das an seinem Verhalten als rational bezeichnen und rechtfertigen, woran seine Gefühle einen ausschlaggebenden Anteil haben.

Uns dessen bewusst zu sein und die damit verbundenen Einwirkungen auf unsere Wahrnehmung zu verstehen, ist die Grundvoraussetzung für angemessene Klärungs- und Entscheidungsprozesse.

Hinsichtlich unserer Gefühle ist es zudem von herausragender Bedeutung, sie nicht nur als innere Wahrnehmungen zu sehen und anzunehmen, sondern als eine Erkenntnisweise. Sie lassen mich Seiten der Wirklichkeit sehen, die vor dem Auge der rationalen Vernunft verborgen bleiben. Wer etwa frisch verliebt ist, um den herum werden Rosenblätter regnen; während unter dem Eindruck des Verlustes eines geliebten Menschen die Welt grau und unerbittlich wirkt.

Die Erkenntniskraft der Gefühle liegt in ihrem dynamischen Wesen und einer sich kontinuierlich verändernden Energie, die den Gesetzen der Resonanz folgt. Gefühle beeinflussen die Person und ihre Umwelt, und sie werden von dieser beeinflusst. Sie reichen somit über den Menschen, in dem sie momenthaft leben, immer hinaus. Das kann als Hinweis auf die Verantwortung gesehen werden, die wir für den Umgang mit Gefühlen tragen. Neuere Forschungen zu der Bedeutung von Spiegelneuronen zeigen, dass das, was wir beim anderen wahrnehmen, in uns ein Programm aktiviert, ähnlich zu empfinden. Je näher uns dieser Mensch steht bzw. je intensiver der Kontakt ist, umso intensiver zeigt sich auch die Empfindung und damit die auf den Anderen bezogene Spiegelung des Verhaltens.

Aus Gefühlen und mit ihnen eröffnet sich ein Blick auf die Welt, der ständig neue Facetten offenbart. Es sind die Gefühle, die den Menschen ins Herz des Lebens führen und ihn Leben spüren lassen. Freude, Leid, Trauer, Begeisterung, Melancholie, Liebe, Hass, Zuneigung, Abneigung, Wut, Erhabenheit, Furcht, Wohlbefinden, Ekel, Scham, Reue – jedes dieser Gefühle verändert die Wahrnehmung und wirkt wie ein Filter für äußere und innere Vorgänge. Jedes dieser Gefühle beeinflusst meine leiblich-seelisch-geistige Verfassung und meine Beziehung zur Mitwelt. Die Folgen reichen bis tief in unsere Handlungen hinein.
Was etwa treibt mich dazu, etwas zu tun? Waren es rein äußere, sachbedingte Impulse? War es eine überzeugende Idee mit den in ihr ruhenden Möglichkeiten? War es ein positives oder negatives Gefühl, verbunden mit einer Druck- oder Stresssituation? Waren es auf mich abstrahlende Gefühle eines anderen? Oder war es eine spezifische Mischung aus allem?

Und so ist es bedeutsam, sich den Gefühlen zu stellen und in sie einzutauchen, ohne sich von ihnen vollständig vereinnahmen zu lassen. Möglich wird das durch die Haltung der Zeugenschaft, also einer gegenwärtigen, unverstellten und unverfangenen Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Sie beobachtet und identifiziert nicht nur die eigenen Gefühle; sie hilft dabei, der Regung zu widerstehen, jedes dieser Gefühle immer unmittelbar ausdrücken zu wollen. Eine wache und liebevolle Zuwendung zu meinen Gedanken, ein möglichst vorurteilsfreier Blick auf das Gegenüber, auf die Situation und auf mich selbst helfen dabei. So können Urteile auf dem Erkenntnisweg behutsam entstehen.

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