Das Heilige und der Raum

clausAllgemein

„Gott sprach: Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.“ (Exodus 3,5)

Des Menschen Sehnsucht ist sein Himmelreich. Sie entfaltet in uns den Drang zur Transzendenz. Zum Übersteigen des Alltäglichen, des Gleichgültigen und einer gelegentlich als Ödnis empfundenen Banalität will sie verführen.
Das Himmelreich aber, sagt man, ist kein jenseitiges Universum. Es lebt in uns, als Innenreich. So wird für die Sehnsuchtsvollen die Pflege des inneren Raumes zur notwendigen täglichen rituellen Übung – als meditative Arbeit an der Resonanz mit dem Ersehnten.

In seiner polaren Wesenhaftigkeit kann der Mensch auf der Suche nach dem Heiligen jedoch nicht auf sein Innen reduziert werden. Das macht uns ja aus, dass wir als symbiotische Geschöpfe leben, die nach wechselseitiger Durchdringung von Innen und Außen streben. Und so suchen wir den äußeren Raum, der Beziehung zum Inneren herstellt und spürbar macht, der die Sehnsucht erdet und uns leiblich ankommen lässt. Heilige Orte nennen wir das.

Es gibt sie in allen Kulturen und Religionen. Es mögen umbaute Räume sein, die sich als Tempel, Kathedrale oder kleine Kapelle an besonderen Plätzen erheben; manchmal werden Kraftorte in der Natur dazu, in der Erscheinung einer Quelle oder eines Baumes, die Menschen durch die Zeiten hindurch aufsuchen. Alle – unabhängig von der spirituellen Tradition – verbindet eines: die Resonanzfähigkeit mit dem geistigen und dem Seelenfeld des sich ausrichtenden Menschen.

Man kann heilige Räume, wie das für unsere profanisierte Kultur gegeben ist, als reine Funktionsräume ansehen: zur Versammlung einer Gemeinde, zum Abhalten des Gottesdienstes, zum Erleben eines Orgelkonzertes oder zur Betrachtung geistlicher Kunst. Das hat unbestritten einen hohen Eigenwert. Doch ihr Eigentliches liegt im sich Ereignen der besonderen Berührung, dem Einbruch des Heiligen in das empfängliche Herz. Beim Betreten und sich Einlassen überfällt dich ein Schauer. Du bist umhüllt von dem, was anders ist als „draußen“.
Dieses „Andere“ ist nicht auf Räume angewiesen, gewiss… Der Geist weht, wo er will. Aber der Mensch braucht immer wieder Räume, um auszutreten aus dem hektischen und gedankenverlorenen Getriebe; um sich neu zu spüren; sich seiner Sehnsucht zu vergewissern und sich HIER angenommen zu fühlen; um sich dann entsprechend auszurichten.

Der besondere Raum und der besondere Ort – es sind Energiefelder. Sie laden sich über die Jahre und manchmal die Jahrhunderte mit den Sehnsuchtsenergien suchender, betender, bittender, klagender, dankender, singender Menschen auf. Das macht sie so spürbar stark, dass sie uns zu tragen vermögen. Wir werden für eine Zeitspanne vom Akteur zur empfangenden Seele.

Was dem Menschen die alltägliche Umgebung nur zu leicht versagt, das Innehalten, das Gedenken, das Loslassen, das sich Anvertrauen, ja die Hingabe – hier wird es gegeben; und zwar einfach so…wenn du es willst und bereit dafür bist.

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