Über sich hinaus

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Dass der Mensch in Berührung mit dem Absoluten steht, scheint außerhalb jeglicher Frage, ist er doch ein Teil dessen. Obwohl diese Gewissheit zu unserem tieferen Wesen gehört, müssen wir sie oft mühsam suchen und schmerzlich wieder erringen. Einiges gilt es hierbei zu bedenken.

Da lebt, wenn auch nicht immer bewusst und noch seltener gespürt, jene Ursprungsgewissheit,  dass allem ein Ausgangsprinzip zugrunde liegt. Es existiert jenseits aller Phänomene von Raum und Zeit. Als Ursprung und Ende zugleich bildet es die „Substanz“, aus der sich das Vergängliche, das Werdende und Wachsende heraus entwickelt und formt. So auch der Mensch. Zwar vermag er sich als Geistwesen grundsätzlich seinem Wesensgrunde zuzuwenden, doch erfordert das die Arbeit an und mit dem, was zumeist verborgen in seinen Tiefen wohnt. Erst wenn er sich diesem durch die Vermittlung von Geschichte, von Denken, einer überpersönlichen Liebe und kontemplativer Hingabe angenähert hat, kann es schrittweise und bewusst in Resonanz mit dem Absoluten treten. So mündet es in Erkenntnis und Empfindung zugleich. Der Mensch hat begonnen, sich zu seinem Eigentlichen zu verwandeln.
Das also ist gemeint, wenn gesagt wird, dass es ohne tiefe Selbstreflexion keine Gotteserkenntnis gibt. Und das umschreibt, worin das Entwicklungsgesetz, dem der Mensch unterliegt, letztendlich gründet. Seit je lassen sich die Weisheits- und Gottsucher von diesem Gesetz führen und haben sich ihm unterworfen, unabhängig von der Tradition, der sie entstammen. Gilt es doch über alle Zeiten, alle Kulturen und alle Religionen hinweg. Als Quelle nährt es das, was wir jenen Glauben nennen, in dem sich die Sehnsucht nach dem Absoluten, die Gewissheit gerufen zu sein und Erkenntnis verbinden.

Unsere Zeit bewegt sich in einer großen spirituellen Spannung. So manche religiöse Dualismen, magische Verbrämungen und mythische Verkindlichungen lösen sich durch deren schlichte Missachtung auf. Zugleich wird die reine Sehnsucht nach Verschmelzung mit unserem göttlichen Ursprung neu angefacht. Es ist ein Neuerwachen von Religiosität – auch aus dem heraus, was  integrales Bewusstsein genannt wird. Und damit ist es ein Erwachen hinein in jene große Vision, in der die Menschheit in Liebe und Respekt zueinander und zum Leben schlechthin findet, ohne sich fortwährend weiter bewusstseinsmäßig zu spalten und voneinander abzugrenzen.

Der Gedanke einer bewussten und reflektierten Verbundenheit des Menschlichen mit dem Absoluten führt zu weitreichenden Folgegedanken, was diese Beziehungsebene betrifft.
Johann Wolfgang von Goethe: „Die Gottheit ist wirksam im Lebendigen, nicht im Toten; sie ist im Werdenden und sich Verwandelnden, nicht im Gewordenen und Erstarrten.“
Daraus klingt, dass das im Lebendigen wirkende Göttliche von diesem Werdenden ja nicht unberührt bleibt. Anders formuliert: Die Gestaltung und das Gestaltete verbinden sich mit dem schöpferischen Urimpuls. Das Geschöpfliche wirkt indirekt auf das Schöpferische, ist nun selbst dazu geworden, sei es bewusst oder unbewusst. Die Gottheit, die sich in die Dynamik des Lebens verströmt, setzt sich selber dieser Dynamik aus. Von dem Philosophen und Soziologen Max Scheler (1874-1928) lesen wir dazu:
„Der Mensch – ein kurzes Fest in den gewaltigen Zeitdauern universaler Lebensentwicklung – bedeutet also etwas für die Werdebe­stimmung der Gottheit selbst. Seine Geschichte ist nicht ein bloßes Schauspiel für einen ewig vollkommenen göttlichen Betrachter und Richter, sondern ist hineingeflochten in das Werden der Gottheit selbst.“
Aus dem Blickwinkel dieser atemberaubenden Hypothese trägt der Mensch damit nicht nur eine Verantwortung für sich, sondern für den Schöpfungsprozess an sich, den Werdegrund mit inbegriffen. Letztlich wollen auch daran die Religionen mit ihren Sakramenten der Vereinigung erinnern. Gerade ein voll entfaltetes Christentum, selbstbewusst und demütig zugleich, würde genau dieses lehren!

Die religiöse, als kirchlich-institutionalisierte und entsprechend verbeamtet daherkommende Alltagspraxis sieht gleichwohl beileibe anders aus. Sie reduziert den Menschen zumeist auf den, der schwach und hilfsbedürftig einer vollendeten Gottheit unbeholfen gegenübersteht – sehnsüchtig, doch getrennt, voll der göttlich inspirierten Potentiale, doch klein gehalten. In dieser angstbesetzten Haltung mag es aufschlussreich sein, sich die Erkenntnis des Kirchenlehrers Aurelius Augustinus (354-430) zu vergegenwärtigen, nämlich dass der Mensch, um Mensch zu bleiben, übermenschlich werden muss. Vielleicht sollten wir auch einfach nur sagen, dass er sich seiner Rolle zwischen Erde und „Himmel“ neu bewusst wird.

Es ist die damit verbundene innere Ausrichtung, und es sind die daraus sich erhebenden Handlungen, die den Menschen in unserem Zeitalter der großen Fragen und Infrage­stellungen im Lot halten. Sie erheben zu größter Freiheit und stellen im gleichen Atemzuge unbedingt in Dienst. Sie fordern und rüsten zugleich mit Zuversicht und Vertrauen. Die Gewissheit des Einsseins mit Gott und der Welt entlässt in die Verantwortung für beide. So wird aus einer bloß inneren Glaubensgestalt eine umgreifende Gestaltungs- und Erlebnisqualität auch im äußeren Leben.

Vielleicht ist es ratsam, an dieser Stelle auf den grundlegenden Stellenwert des Religiösen und der Weise, wie wir es verstehen und leben, hinzuweisen.
Wie soll das innere Wesen des Menschen sich in seinem Reichtum und seiner Schönheit offenbaren und entfalten ohne die bewusste und empfundene Verbundenheit nicht nur mit dem kosmischen Lebensstrom, sondern vor allem dem, was ihn hervorbrachte und nährt? Nur in dieser Gewissheit stehend, vermag das kleine Ich über sich hinauszuwachsen zum kosmisch vernetzten liebenden Selbst. In diesem Resonanzraum entsteht ein Halt, den nichts Zeitgebundenes je böte. Er macht das Tun wahr von innen her. Es wächst innerer Friede, ohne den ein äußerer doch nie entstehen kann, wie die Geschichte der Menschheit so drastisch lehrt.

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