Der Kommunist und die Heilige

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Verhängnisvoll war und ist die Beziehung des Menschen zu Um- und Mitwelt. Die heute immer deutlicher zu Tage tretenden Folgen erscheinen dabei als etwas sich gerade erst Ergebendes, ja Überraschendes. Doch die warnenden Stimmen sind wahrlich alt und kommen aus berufenem Munde, wie zwei völlig unterschiedliche Beispiele verdeutlichen mögen.

In meinem 1988 erschienenen Buch „Die Megamaschine“ zitierte ich Friedrich Engels (1820-1895) aus seiner Schrift „Die Dialektik der Natur“:
Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unseren menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solcher Siege rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen,  auf  die wir gerechnet, aber in zweiter oder dritter Linie tut er ganz andere, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben. (…) Gegenüber der Natur wie der Gesellschaft kommt bei der heutigen Produktionsweise vorwiegend nur der erste, handgreifliche Erfolg in Betracht; und dann wundert man sich noch, daß die entfernten Nachwirkungen der hierauf gerichteten Handlungen ganz andere, meist ganz entgegengesetzte sind.“

Was der erfolgreiche und wohlhabende Wuppertaler Textilfabrikant, Gesellschaftstheoretiker, radikale Kritiker des kapitalistischen Systems und Unterstützer von Karl Marx in nüchterne Worte fasste, drückte sich 700 Jahre vorher in einer Vision Hildegard von Bingens (1098-1179) noch eindringlicher, ja drastischer aus. In ihrem „Liber vitae meritorum“ („Das Buch der Lebensverdienste“) zeigt die Ordensfrau, Mystikerin und Visionärin die Wechselverhältnisse von 35 heilsamen Tugenden und krankmachenden Lastern auf. Mit dabei die Sünden wider die Natur und die Elemente. Mögen Sprache und Metaphorik Hildegards auch fremd klingen, der Bezug könnte aktueller kaum sein.
Die gewaltige Stimme aber, die du aus den Elementen der Welt heraus rufen hörst, deutet auf die Klagen hin, welche die Elemente mit wildem Geschrei ihrem Schöpfer vortragen. Nicht in menschlicher Weise hörst du sie reden, sondern mit allen Zeichen ihres Unterdrücktwerdens.
Verwirrt durch die Sünden der Menschen, überschreiten sie die rechte Bahn, die sie von ihrem Schöpfer gesetzt bekamen, durch fremdartige Bewegungen und widernatürlichen Kreislauf. Damit bringen sie zum Ausdruck, dass sie ihre Bahnen und natürlichen Funktionen nicht erfüllen können, wie ihnen dies von Gott aufgetragen wurde, weil sie durch die Untaten der Menschen von unterst zu oberst gekehrt wurden. Und so schreien die Elemente zu Gott: „Wir können nicht mehr laufen und unsere Bahnen nach des Meisters Bestimmung vollenden. Denn die Menschen kehren uns mit ihren schlechten Taten wie eine Mühle von unterst zu oberst. Wir stinken schon wie die Pest und vergehen vor Hunger nach der Gerechtigkeit.“ …
Und Gott spricht zu den Elementen: ‚Mit den Qualen der Menschen, die euch verunreinigt haben, werde ich euch reinigen, sooft ihr besudelt werdet.’… Alles, was sie (die Menschen) tun, richten sie auf ihre Begehrlichkeiten und Genußsucht aus, während sie mit ihren Herzen sprechen, wer denn wohl jener Gott sei, und was jener Gott könne, und welche Macht er wohl habe, den man doch nie zu sehen kriege, der vielmehr im Verborgenen weile. Und je nach Lust und Laune seines Eigensinns schreibt der Mensch Gott jene Absicht zu, die er doch vielmehr selbst in seinem Ansinnen gebildet hat, so dass er etwa sagt: Gott habe ihn doch nun mal so geschaffen, dass er die Sünde, die er begehen will, nun einmal nicht vermeiden könne.“

Engels war ein scharfer Analytiker und unbestechlicher Beobachter, bewandert in der Kunst des dialektischen Blicks. Hildegard verfügte über einen tiefgründigen Intellekt, ein außergewöhnliches Gespür für das Wesen der Dinge und einen Zugang zur geistigen Welt. In aller Unterschiedlichkeit verbindet beide der Traum von einer Menschheit, die versöhnt lebt mit der Natur und mit den Elementen. Wenn auch in Kreisen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, genießen beide auch heute noch große Wertschätzung; der eine als kritischer Ökonom und Wegbereiter des Marxismus, die andere als spirituelle und weise Gestalt, der wir zudem das ein oder andere Kräuterelixier oder Dinkelrezept verdanken. Die Radikalität jedoch, mit der beide die Vergewaltigung der Mitwelt brandmarkten und auf die Folgen hinwiesen, fiel der Verharmlosung seitens derer zum Opfer, die sie für sich und ihre Interessen vereinnahmten und verkitschten. So sind beide auch ein Beispiel, dass selbst von den größten Geistern meist nur das die Wahrnehmung und angemessene Wertschätzung erreicht, was dem Spiel der jeweils Herrschenden dient. Und je grundsätzlicher der Blick ist, desto konsequenter geschieht das Übersehen und Verdrängen. Sage nur keiner, dass nicht wirklich alles schon beizeiten absehbar war. Wenn man sehen will, im alltäglichen Tsunami medialer Ablenkung und Beschwichtigung…

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(Das Beitragfoto zeigt eine Skulptur des Holzgestalters Jochen Lemke aus Leer in Ostfriesland)