Innen

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Ein Gastbeitrag von Werner Binder


Einhergehend mit der Missachtung oder gar Verachtung der menschlichen Innenwelt ist leicht zu erkennen, dass nicht-produktive Menschen, Eigenbrötler, Träumer und eigenwillige Individualisten selten Aufmerksamkeit finden. Sie werden marginalisiert. Ihre Existenz wird erschwert durch schwierig einzuhaltende Vorgaben und Bestimmungen. Wer nicht nützlich und leicht zu führen ist, hat das Nachsehen. Wer durch solche Einsamkeit, die ihm auferlegt wird, erkrankt oder stirbt, dem wird kaum nachgetrauert. Kritiker des auf Nützlichkeit und Produktivität getrimmten Systems, so wie es sich nun eingependelt hat, werden ausgegrenzt. Kritische Journalisten und Künstler spüren das mit aller Heftigkeit. Viele Klein -und Kleinst-Unternehmen fallen in die Insolvenz, weil sie den Lockdown und andere Restriktionen nicht überlebt haben. Die großen Ketten kaufen die Lokalitäten in guter Lage zu einem Spottpreis auf. Im Markt expandieren die Laden- und Restaurantketten. Auf Kosten der Vielfalt der Kleinen und Kleinsten.
Da, wo Innerlichkeit gescheut wird, zerfällt die kulturelle Vielfalt und damit ein großer Teil der menschlichen Kreativität und Farbigkeit.
Da, wo man das Innen vermeidet, wird alternative Medizin obsolet, ja sogar störend. Was nicht in den gängigen Strom der Norm, des Verwertbaren, der Rendite passt, stört… stört, weil es die Enge des erlaubten, schmalen Meinungs-Korridors zu sprengen droht.

Der deutsche Philosoph Jochen Kirchhoff:
„Wir werden zu Gegenständen gemacht, wir werden zu puren Körpern gemacht. Der Körper ist einfach nur noch ohne Innenseite. Da ist gar nichts mehr. Aber wir haben auch ein Innen und dieses Innen ist ganz entscheidend; letztendlich läuft es auf eine Art Maschinenmensch hinaus. Cyborg. Was soll der Mensch sein? Wir Menschen sind physisch-biologische Außenwesen, aber wir haben auch ein Innen und dieses Innen ist ganz entscheidend, es spricht ständig mit. Es ist die Psyche, aber es sind auch kosmisch-seelische Zusammenhänge, die immer mit hineinspielen. Wenn man das ausklammert und eliminiert, zerstört man eigentlich die Grund-Substanz. Dabei bleibt kaum mehr was übrig. Das macht alles kaputt. So einfach ist es.“
Das ist nicht nur aufrüttelnd gesagt, es ist auch wahr: Wenn man das Innen eliminiert, macht man alles kaputt. Es ist eine Form von kollektivem Selbstmord. Ich sage dies auf eine so drastische Art, weil die Entwicklungen sich rasend schnell und effizient durchzusetzen scheinen. Von uns allen fordern die Tatsachen einen klaren Entscheid. Welche Art von Welt und Leben wollen wir anstreben? Was tut uns gut, wofür wollen wir leben?

Im letzten, so kriegerischen Jahrhundert, haben zahlreiche Menschen ihre Traumata nicht angehen können. Sie haben ihr Leiden an ihre Kinder und Enkelkinder, meist unbewusst, delegiert. Heilung ist von Nöten.

Die Weltgesellschaft verarmt, verkümmert, verdurstet, wenn das Zweckdienliche, die Machbarkeit alles in Beschlag nimmt und die feinen Ziselierungen des Feingefühls mit Hämmern abgeschlagen werden.
Die zunehmende Anonymisierung des Gesellschaftlichen und des Sozialen macht den Menschen latent oder manifest depressiv und manchmal auch gewalttätig. Dass dies unbedingt vermieden werden muss, wissen die Netzwerke der Mächtigen. Und so wird eine fiktionale, virtuelle Realität aufgebaut, welche eine Art Ersatzwelt für das verlorene Selbst, für die abhanden gekommene Innerlichkeit, darstellen soll.

Die zukünftige Weltgesellschaft wird sich wohl vierteilig darstellen:
1.  Die mächtigen Netzwerke des finanziell-digitalen-pharmazeutischen Komplexes und die Multi-Milliardäre, die sich gerne Philanthropen nennen.
2.   Ihre Handlanger, die sich mit diesen identifizieren und deren Konzepte umsetzen.
3.    Der riesige Bevölkerungsteil, der sich dank der Schaufensterwelt dem Diktat unterworfen hat.
4.   Die Opposition, die kritisch-autonome Bevölkerung, die den Anspruch hat, mitzudenken und zu gestalten. Dieser Bevölkerungsteil wehrt sich gegen seine Ausgrenzung.

Eine derart gevierteilte Welt kann nur «gemacht» und aufrechterhalten werden, wenn es gelingt das Innen des Menschen zu ignorieren, zu kanalisieren oder zu unterdrücken. Doch alle schwerwiegenden weltweiten Probleme, Schwierigkeiten und Konflikte werden ohne deutlichen Einbezug des seelisch-geistigen Innenlebenns der Menschen nicht gelöst werden können. Und sie werden sich verschärfen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der mehrheitlich immer noch geglaubt wird, dass unsere meist selbst geschaffenen Schwierigkeiten nur rational-materialistisch, auf der Ebene der Symptome, gelöst werden.
„Das macht alles kaputt.“

Werner Binder, Psychotherapeut und Supervisor, lebt im schweizerischen Aarburg. Sein Blog ist zu lesen unter www.wernerbinder.ch

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