Freiheit und Zwang – das pandemethische Dilemma

clausAllgemein

Was den Menschen beherrscht, ob Gemeinwohlorientierung oder Individualismus, ob angemessene Ich-Fürsorge oder pure Egozentrik, zeigt sich in Krisen – und zwar vor allem solchen, in denen es um die Beziehung zum Mitmenschen und zum Kollektiv geht. Wo die Gewichte in diesem Beziehungsspiel liegen, zu welcher Seite das Pendel ausschlägt, markiert den Grad von Kultur einer Gesellschaft, einer Gemeinschaft, ja manchmal der Menschheit insgesamt. Corona führt dies unmissverständlich vor Augen, legt schonungslos offen, welche Gefühle und Energien im Lande leben.
Komplexer könnte ein Problem allerdings auch nicht sein. Einfache Antworten verbieten sich. Drei Sichtweisen mögen dies exemplarisch verdeutlichen. Vordergründig scheinen sie unvereinbar, doch im Inneren gehören sie zusammen  und machen das Ganze in seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit aus.

Das medizinische Paradigma
Ein Virus bedroht das Land. Die Situation droht außer Kontrolle zu geraten. Nicht nur unzählige Menschenopfer sind zu beklagen, wirtschaftliche Existenzen von Selbständigen werden durch staatliche Maßnahmen vernichtet. Kinder verlieren das Vertrauen in das Sozialwesen. Eine an sich selbstverständliche Gesundheitsversorgung erodiert durch das Verhalten von Personen, die sich auf Menschenrechte beziehen und dabei willentlich und wissentlich übersehen, dass kein Menschenrecht je verwirklicht werden kann, wenn es nicht mit wahrgenommenen Menschenpflichten einhergeht. Der Zusammenhalt von Gesellschaft sieht sich in Frage gestellt, wenn der edle Menschenrechtsgedanke und das darauf bezogene personale Freiheitsverständnis strikt individualistisch missbraucht werden. Dazu gehört die Verweigerung gegenüber bzw. aktive Bekämpfung von Maßnahmen, die das Ganze und inmitten dessen die Schwächsten schützen wollen. Körperbezogene Selbstbestimmung, diffuse Angst vor diffusen Impffolgen oder das grundlegende Misstrauen in den Staat werden als Begründung angeführt. Bei manchen Zeitgenossen ist es jedoch einfach nur Ignoranz und /oder selbstverschuldete Uninformiertheit. Tote nimmt man dabei genauso in Kauf, wie gleichzeitig das Recht in Anspruch, wenn es einen dann doch trifft, intensivmedizinisch behandelt zu werden – was zu Lasten anderer, wirklicher Notfälle, geht. Der Staat wehrt sich mit drastischen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, plant eine Impfflicht und setzt damit aus übergeordneter Notwehr elementare Grundrechte außer Kraft.

Dies ist eine gängige und wohl die weitverbreitetste Sicht der pandemischen Lage. Sie folgt dem vorherrschenden medizinischen Paradigma. Es lautet: Ein Problem ist aufgetaucht, ein Gegenmittel wird mit staatlicher Unterstützung entwickelt und massenhaft produziert, um das Problem auszumerzen. Das Vaccin erhält gleichsam die Bedeutung eines humanen Herbizids. Der Ansatz ist binär mechanistisch.

Das evolutionäre Paradigma
Die epidemische Situation ist die Konsequenz eines radikal grenzverletzenden und grenzüberschreitenden Verhaltens der Menschheit. Das Virus kann als ein Aufschrei und Weckruf zugleich der Evolution gesehen werden, als ein Akt der Widerständigkeit des Lebens gegenüber der mörderischen Lebensform des Menschen.
Wenn wir in alter militärischer Strategie dagegen vorzugehen versuchen, das als Feind Erkannte auszurotten, nur um so weiter machen zu können wie bisher… dann werden auch die Grenzverletzungen an und in der Natur weitergehen, und die nächste Pandemie kommt mit Sicherheit. Die „Dinge“ werden sich zwar immer drastischer wiederholen, doch der Mensch wird weiter wüten, bis es nichts mehr zu wüten gibt auf unserer Erde.
Eine evolutionäre Option setzt deshalb auf globale Durchseuchung ohne verordnete, sondern lediglich freiwillige Vaccin-Intervention. Hinnehmen und Ausleben lassen und aus dem, was passiert, sowie den Gründen, die dazu geführt haben, dass es passiert, lernen. Das kostet Opfer, vermutlich sehr viele Opfer. Es werden die Schwächsten und Verwundbarsten sein. Ob es am Ende allerdings deutlich mehr als im sich hinziehenden Impfparadigma sind, scheint durchaus offen. Die Pandemie jedoch ist irgendwann durchlebt und integriert, während das Impf-Modell zur Pandemie-Verlängerung und perspektivisch zu Dauerimpfungen führt. Auch wird verhindert, dass der Staat in Verbindung mit Pharmaindustrie und staatsbeflissenen Medien eine weitgehende Verfügungsgewalt und Kontrolle über den menschlichen Körper und Teile des menschlichen Bewusstseins übernimmt.
In dieser Option gibt es keinen Anspruch mehr auf medizinische Vollversorgung und Lebensverlängerung um jeden Preis. Es wird akzeptiert, dass das menschliche Verhalten Konsequenzen mit sich bringt, die es dann auch auszuhalten gilt. Dem Leben steht zwar weiterhin der Rang als höchstes Gut zu. Gleichzeitig aber gilt, den Tod nicht als Feind des Lebens zu sehen, sondern als zum Leben gehörend, als Voraussetzung für neues Leben. Auf die mittelalterliche Pest folgte bekanntlich die Renaissance.

Das Paradigma der Freiheit
Sich allem zu verweigern oder aber bewusst Verantwortung für mich und anderes Leben zu übernehmen, stehen an sich gleichberechtigt nebeneinander. Risiken jedoch, die von einzelnen Personen willentlich und wissentlich eingegangen werden und zur Belastung der Allgemeinheit führen, müssen in den Konsequenzen dann von diesen Personen hingenommen werden. Wo die Impfverweigerung im Falle eigener schwerster Erkrankung jenen Menschen den Behandlungsplatz nähme, die unverschuldet medizinischer Versorgung bedürfen, etwa bei einem Infarkt, Schlaganfall oder der Operation eines wachsenden Tumors,  besteht kein Anspruch mehr darauf, durch das System getragen zu werden, das ich selber massiv gefährdet habe. Freiheit, gerade wenn man sie absolut setzt, ist eben kein Kinderspiel. Sie basiert auf Verantwortung auch mir selber gegenüber und einem Blick, der über die momentane Befindlichkeit hinausweist.

Die gegenwärtige Gesellschaft wirkt gespalten. Jede verordnete Zwangsmaßnahme wird diesen Eindruck noch verstärken. Die über Jahrzehnte, ja wenn wir genau hinschauen, Jahrhunderte erstrittene und erkämpfte Demokratie in diesem Land ist zu kostbar, um sie zu gefährden. Und das geschieht, wenn Gräben sich noch weiter vertiefen. Es geschieht langfristig betrachtet auch, wenn dem Staat und einer immer mächtiger werdenden Pharmaindustrie Macht- und heutzutage ja auch umfassende digitale Kontrollmittel in die Hand gegeben werden, die in anderen politischen Konstellationen in autoritärem Missbrauch enden können und dann wohl auch enden werden. Angesichts einer solchen Dystopie muss der im medizinischen Paradigma angestrebte perfekte Schutz der Bevölkerung zurücktreten. Es gibt keine Alternative zu gegenseitigem Respekt und offenem Diskurs, auch wenn das manchmal vom Niveau her betrachtet ernsthaft schmerzt. Wir leben in einer deliberativen Demokratie, das heißt, sie beruht auf Überzeugung und der Kraft des guten Arguments. Das ist anstrengend, und es findet keinen Abschluss. Aber wenn es sich nicht in großen Krisen bewährt, was taugt es dann? Man sollte nur die Erwartung ausschließen, dass trotz der besten Argumente alle im Land erreicht werden. Das wird nie geschehen! Doch es will respektiert werden, ist der damit einhergehende Preis manchmal auch hoch.

Die Gesellschaft muss sogar hinnehmen, dass jene, die das staatliche Medizinsystem und sein Paradigma bekämpfen, trotzdem davon versorgt werden, wenn sie selber in Notlagen geraten. Eine Triage auf den Intensivstationen, die unterscheidet zwischen Geimpften und Ungeimpften, fühlt sich zwar auf den ersten emotionalen Blick angemessen und dem Gerechtigkeitsempfinden entsprechend an, und man könnte sagen: „Wenn du es in deiner Verantwortungslosigkeit leicht nimmst, nimm bitte auch deinen Tod in Kauf.“ Doch solches widerspräche nicht nur der über Jahrtausende bewährten medizinischen Ethik. Es wäre eine Grenzverletzung und ein Tabubruch, die zu Ende gedacht, nicht mehr viele Schritte von einer Euthanasie entfernt lägen. Schließlich: Es verdienen auch diejenigen eine letzte Solidarität der Gemeinschaft, die sie selber nicht aufzubringen in der Lage waren. Das ist grundsätzlich der Preis von Gemeinschaftlichkeit, will sie daran dauerhaft wachsen.

In allen drei vorgestellten Paradigmen liegt eine Wahrheit. Und es gäbe noch manches darüber hinaus zu bedenken und zu berücksichtigen. Was es nicht gibt, ist ein reiner Weg. Und jede Suche danach in einer sich immer noch entwickelnden Menschheit mündet in der Verachtung von Vielfalt und Dissens und schließlich im autoritären Staat.

Es gilt also viel auszuhalten und viel zu ertragen in diesen Zeiten. Es braucht ein großes Maß an Widerspruchstoleranz, auch wenn sie mit Schmerzen verbunden ist. Zeigt sich eine Gesellschaft dazu bereit und in der Lage und lässt gleichzeitig trotzdem nicht nach in dem Bemühen, die Schwächsten so gut es geht zu schützen, dann wird man eines fernen Tages im Blick auf diese Jahre sagen:
Es war gut so. Sie haben es richtig gemacht…

(Foto: Brügge am Abend)

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