Koyaanisqatsi…

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…ist ein Begriff der indigenen nordamerikanischen Hopi. Er bedeutet in einer Welt zu leben, die aus dem Gleichgewicht geraten ist. Die Welt der Gegenwart. In der Hopi-Mythologie wird die Entwicklung der Menschheit als eine absteigende gesehen, die mit der Vernichtung endet, um irgendwann wieder neu zu beginnen. Wir leben am Ende des untersten der vier Zeitalter. Unfrieden, Habsucht, Krieg und die Zerstörung der Natur werden es beenden. Nur diejenigen können überleben, die verstehen, im Einklang mit der Erde zu leben. Lange schon versuchen die Hopi, die Weltgemeinschaft darauf aufmerksam zu machen.

Welt im Ungleichgewicht. Besser könnte man das, was uns von der Naturzerstörung, über die Vernichtung der Arten, bis zu den Kriegen unter den Menschen begleitet, nicht auf den Punkt bringen. Nüchtern betrachtet. Was jedoch an Unglaublichkeit in der menschlichen Selbstwahrnehmung kaum steigerbar scheint, ist der Umstand, dass wir uns in unseren Ansprüchen an das Leben zumeist immer noch im Recht glauben, nicht bereit, sogenannte Selbstverständlichkeiten mit eingebauter Todesfolge, loszulassen.

Wir sind in unserer Welt ziemlich hoffnungslos verfangen. In den Bedürfnissen, den momenthaften Wahrnehmungen, den Urteilen, die aus Prägungen und emotionalen Befindlichkeiten erwachsen. Wir sind gefangen in der Zeit, loben Wert und Absolutheit der jeweiligen Sekunde. Das folgt an sich zu Recht dem Grundgebot der Achtsamkeit gegenüber dem Moment, in den wir immer wieder neu eintreten, auch wenn Zeit ein Fluss ist. Die Kostbarkeit und Einzigkeit des Moments wahrzunehmen und wertzuschätzen ist das eine. Jeder Atemzug verdeutlicht: Jetzt ist das Leben, jetzt umgibt mich Fülle, jetzt will Geschichte an Vollendung erinnern. Ich erblicke Kairos.

In dieser Weltzuwendung verbirgt sich bei aller Schönheit jedoch die Gefahr, dass wir nicht nur den Moment, sondern uns selber und unsere auf den Moment bezogenen Erwartungen absolut setzen. Das kann dann bedeuten: Jetzt hat das Notwendige zu passieren; jetzt muss sich die Krise lösen; jetzt mögen sich meine Wünsche erfüllen. Aber bitte nichts an meinen Gewohnheiten ändern. Die Ansprüche in der Gegenwärtigkeit bedrängen so das im Fluss der Zeit ruhende Element der Rechtzeitigkeit. Alles soll gebogen werden auf mein Wollen hin. Und zeigt es sich nicht von sich aus willig, kommt Gewalt ins Spiel. Das eint das Haben-Wollen der Aggressoren und das Festhalten-Wollen derer, die sich im Besitz von etwas wähnen.

Das Universum kennt keinen Besitz, keinen Status der Unantastbarkeit. Alles ist in Bewegung im Rahmen der ewigen Gesetze von Werden und Vergehen und der kosmischen Regeln, die diesen Prozess steuern bzw. sich einfach ereignen lassen; innerhalb einer Zeitigkeit, die sich nicht nach Menschenuhren richtet.
Danach verdient dann auch das eine andere Betrachtung, was wir Erfolg nennen oder Vollzug oder gar Vollendung.

Ein Land wird von seinem Nachbarstaat brutal überfallen. Man wehrt sich, verteidigt die Freiheit, bis das Land in Trümmern liegt und viele Kinder keine Väter und viele Frauen keine Partner mehr haben. Vielleicht kann man seine Freiheit teilweise bewahren und der Selbstachtung gerecht werden, blickt dann in die Zukunft aber auf Ruinen. Würde gar ein Bündnisstaat des Nordatlantikpakts angegriffen, gilt die Losung, mit allen Mitteln „jeden Quadratmeter“ zu verteidigen. Der Preis könnte ein Weltkrieg sein, mit atomarer Entfesselung, die nur noch verstrahlte Erde hinterlässt. Aber der proklamierte eigene Wille hätte sich zumindest durchgesetzt. Was für ein Sieg, was für eine gewonnene „Freiheit“…

Verstehen wir uns nicht falsch. In sich, innerhalb der dominierenden Zeitlichkeit und auch in der Dialektik von Aggression und Wehrhaftigkeit, ist solches stimmig. Es folgt bis zu einem gewissen Grade den vorherrschenden Wertekoordinaten. Nimmt man das Ganze in den Blick, den Zustand von Mutter Erde, die unmittelbare Betroffenheit von Menschen incl. der Langzeitfolgen, weit bis in die nächste Generation hinein, gelangen manche alte Weisheiten zu einer aktuellen Bedeutung. „Geh zwei, statt einer Meile mit deinem Feind; halte auch die zweite Wange hin; das Zarte und Schwache wird auf Dauer siegen; das Zurückweichen führt in den Erfolg; lass dich von dem ungestüm voran Dringenden und Drängenden nicht zu Gleichem in deiner Wahrnehmung und Reaktion zwingen.“
Hier steht ein grundlegend anderes Denken im Raum. Es folgt überzeitlichen Gesetzen und dem Primat von Leben und dauerhaftem Überleben auf allen Ebenen.

Personal, kulturell, staatlich nehmen wir uns zu wichtig – und das ist das Problem der Welt. Wir sind nicht bereit, um des Ganzen willen irgendetwas aufzugeben, etwas zu lassen, selbst Unrecht einmal hinzunehmen.
Heilung und Rettung einer für den Menschen lebbaren Welt und gleichzeitig die konviviale Einbindung des Menschengeschlechts in den Fluss des Lebens erfordert aber gerade heute, am „eve of destruction“, dem Vorabend der Vernichtung, wie ihn Barry McGuire 1965 besang,eine Perspektive, die weit über uns und unsere Bedürfnisse hinausreicht. Sie sieht das Gegenwärtige immer im Dienst an dem Langfristigen und an den Kommenden. Was hinterlassen wir ihnen? Das ist die entscheidende Frage.

Als höchstes Ziel steht das Leben an sich in seinen vielfältigen Möglichkeiten. Wird es einem zivilisatorischen, ja selbst humanistischen Ideal und Wert geopfert, stimmen die Prioritäten nicht mehr. Dann mag es sein, dass der aufrecht gehaltene äußere „Wert“ – den inneren kann sowieso nichts berühren – überlebt, aber kaum noch etwas an Leben und Lebensmöglichkeiten da ist, worauf er sich beziehen und weiter entwickeln könnte.
Die Verwirklichung mancher hohen Ideale in einer unvollkommenen und zerrissenen Welt muss manchmal Umwege gehen, wenn sie sich auf Dauer in der menschlichen Seinsweise niederlassen will. Das hat nichts mit Feigheit zu tun und Laissez Faire. Vielmehr folgt es in historischen Ausnahmesituationen einer höheren Vernunft, die sich ganz der Hingabe für die Lebensmöglichkeit in einem Morgen verschrieben hat.

Ein Land überfällt ein anderes, mit dessen Bevölkerung es seit Jahrhunderten verbunden ist. Die Absicht deutete sich seit Langem an. Man war vorbereitet und empfing schweigend die heranrückenden Panzer, ging ansonsten den alltäglichen Gepflogenheiten nach. Die Radio- und Fernsehsender strahlten die üblichen Programme aus. Es gab jedoch in den Verkehrsnachrichten durch Militärfahrzeuge verstopfte Straßen zu vermelden. Kein fremder Soldat hatte einen Grund, auf einen Menschen zu schießen, denn niemand war bewaffnet. Der Präsident empfing entspannt die Delegation des angreifenden Landes. Man begann zu reden. Auf den Straßen tauschten sich Soldaten und Bürger aus; Frauen und Männer, und auch Kinder kamen hinzu. Sie gingen aufrecht. Was auch sollte sie erschüttern? Abgesehen von ein paar Drohgebärden einrückender Militärs war kein Schuss gefallen, keine Siedlung und kein Krankenhaus zerbombt. Keine Felder waren verwüstet. So verging der erste Tag.
Das Land veränderte sich. Bei den Besatzern rückte zunehmend die Frage in den Vordergrund, was sie hier eigentlich taten; und noch viel mehr: was sie in Zukunft hier tun sollten. Die Menschen begannen sich aneinander zu gewöhnen. Kinder spielten auf den Panzern, Hunde sonnten sich wieder auf den Straßen. In den Cafés saßen Bürger und Soldaten an benachbarten Tischen. Man wechselte Worte und Blicke, erzählte von den Familien zu Hause. Die Verhandlungen gingen weiter.

Dieses Volk, so wird man sich einstens erinnern, lebte seine Freiheit, wie es besser nicht geht. Freiheit in Verantwortung für das gegenwärtige und das kommende Leben. Auch wenn die Weltgemeinschaft und vor allem die herrschende Politik höchst irritiert war. In der NATO soll man unruhig geworden sein und gar die Streitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt haben. Die Flüchtlingsunterkünfte in den Nachbarländern blieben so gut wie leer.
Irgendwann erlangte das Land auch seine politische Freiheit wieder. Es gab einfach keinen Grund mehr, Soldaten dort zu stationieren. Manche von ihnen blieben allerdings freiwillig, beim wiedergewonnenen Brudervolk.

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