Die Lichtseite des Menschen

clausAllgemein

Manchmal drängt sich der Eindruck auf, dass wir als Menschheit nicht nur nicht wirklich weiterkommen, sondern permanent zurückgeworfen werden an Punkte, die doch eigentlich schon längst überwunden sein wollten und vor allem sollten. „Nie wieder Krieg“ schallte es nach 1945 über die Erde. „Es gilt Maß zu halten“ mahnte der Minister des Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard. „Die Grenzen des Wachstums“ sind erreicht, verkündete 1972 der Club of Rome. Und so weiter…

In diesen Tagen sieht es so aus, als seien wir wieder bei Null angekommen. Was die Weltsituation insgesamt betrifft, sogar auf einer desaströseren Basis als jemals zuvor – den Zustand der Biosphäre, von Flora und Fauna, von Wasser, Gewässern, Erde und Luft mitbedacht. Deutschland lebt und verbraucht als gäbe es drei Erden. Und so mag heute wohl alles andere als der rechte Zeitpunkt sein, einen wohlgesonnenen Blick auf Mensch und Menschheit zu werfen. Gleichwohl gibt es dazu keine Alternative. Ansonsten gäben wir uns selber auf und zögen große Teile des planetarischen Lebens mit, die von unserem zukünftigen vernunftgemäßen Handeln abhängig sind.

Besteht deshalb zwar aller Anlass, hart mit uns ins Gericht zu gehen und resignativ den Daumen zu senken, so gilt es gleichzeitig doch zu registrieren, dass sein unerschöpfliches Potential dem Menschentum eine unwiderstehliche Anmut verleiht. Wir leben inmitten eines großartigen Möglichkeitsraumes. Diesen gilt es lediglich endlich zur Liebe und der Fülle der Gegenwart hin wahrzunehmen. Mehr als eine innere Öffnung, Zuwendung zum Moment und das Zulassen der allzeit präsenten Schöpfungsenergie sind dafür nicht erforderlich. Das sogenannte Göttliche existiert nicht außerhalb und fern; es ist auch nichts wesenhaft Fremdes; vielmehr wohnt es inmitten. Und nur durch Geist, Willen und Hände des Menschen kann es in die Welt treten und zu sich selbst kommen.

Dieser Gedanke tritt bereits im mystischen Judentum auf. Die Großartigkeit des Menschen wird hier gerade deshalb betont, weil er sich dem Schöpferischen öffnen und es in sich wirken lassen kann. Martin Buber erzählt in einem Werk über den Chassidismus dazu:

„Rabbi Mendel von Kozk überraschte einst einige gelehrte Männer, die bei ihm zu Gast waren, mit der Frage: ,Wo wohnt Gott?‘ Sie lachten über ihn: ,Wie redet Ihr! Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll!‘ Er aber beantwortete die eigene Frage: ,Gott wohnt, wo man ihn einläßt.‘“

In dieser Weltsicht verschwinden das Defizitäre, Böse und Vernichtende nicht aus dem Horizont der Wahrnehmung. Aber es wird ihnen aberkannt, eine eigenständige Wesenheit zu sein. Vielmehr verkörpern sie Kräfte, die noch auf ihre Transformation und lebensdienliche Befreiung warten. Erst damit wird der Mensch zu seiner Vollgestalt geleitet.
Dieser Schritt führt über das große JA. In jedem Moment das Leben begrüßen, hineinspüren und darauf hören, wonach es dürstet. Und dann nach entsprechenden Handlungswegen suchen. Das Ja, nicht der Hader trägt die Freude und mit ihr die liebende Gestaltung. Hierin liegt der tiefere Sinn des berühmten Satzes, den Aurelio Augustinus schrieb: „Liebe, und dann kannst du tun, was du willst.“

Liebe wächst nur dort, wo der Mensch Ja sagt. Es ist das Ja, das die Tür zu unserem Zuhause öffnet. Dort tritt unser wahres Wesen auf uns zu, geformt aus der Einheit von Immanenz und Transzendenz. Irdische Wirklichkeit und ideales Sein stehen in Wechselwirkung. Sie halten die Spannung zwischen Schon Jetzt und Noch Nicht. Als Kind der Sehnsucht bietet das Noch Nicht dem bereits Vorhandenen Orientierung.
In der bewusst wahrgenommenen und lebensdienlich gerichteten Schöpfungsenergie zwischen dem was ist und dem, was werden will, setzt sich ein Mensch ins Verhältnis zu Leiblichkeit, Geist und Transzendenz. Gefahr lauert immer nur dort, wo die Trägheit dazu verleitet, sich mit dem scheinbar Gegebenen zufrieden zu geben, selbst wenn es von Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit und Lebensfeindlichkeit durchzogen ist.

Das von einem einzelnen Menschen ausgedrückte und verkörperte Ja wird die Erde nicht vom Flächenbrand der Barbarei erlösen. Aber dort, wo es, dem Leben zugewendet, in den Moment geatmet und gesprochen wird, gibt es Zeugnis von dem, was unmittelbar möglich ist. Heilung wird wohl nie als globales Programm funktionieren. Sie beginnt immer an dem Punkt, an dem ich mich gerade befinde. Das mag wie ein Fluch klingen, aber vielmehr noch zeigt sich darin die Segenskraft jeder menschlichen Existenz.   

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