Wahrheit ist ein Prozess

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Als Absolutheitsbegriff duldet „Wahrheit“ keinen Widerspruch. Während alle, auf Fundamentales sich richtende Begriffe und Verständnisse normalerweise eines Bezugssystems bedürfen, wie etwa Zeit und  Geschwindigkeit, ist dies bei Wahrheit anders. Ihr obliegt das Ganze an sich, unabhängig von Zeit und Raum. Ähnlich wie der Begriff „Gott“. Das Bedingte, der Mensch, allerdings kann das Absolute nie vollständig umfassen. Insofern ist jeder Absolutheitsbegriff in Verbindung mit menschlichem Vermögen eine Täuschung, zumindest aber eine unkalkulierbare Unzulänglichkeit. Das betrifft neben Wahrheit  etwa auch das wissenschaftliche und journalistische Ideal der Objektivität. Es mag die Wahrheit geben, aber sie ist uns nicht zugänglich. Jedoch scheint es möglich, sich unter Zuhilfenahme von Reflexivität, Selbstreflexivität und Selbstoffenbarung der Wahrheit zu nähern, um sie zu ringen – durch Prüfung und Gegenprüfung, durch Zweifel, Widerspruchstoleranz und Synthese – als einem infiniten Prozess. Auf der Wahrheitssuche können auch Intuition und das Gefühl zugelassen werden, vorausgesetzt, beide werden durch die „Unterscheidung der Geister“ geführt. Nennen wir das Wahrhaftigkeit. Sie ist eine Spiralbewegung, kein lineares Voranschreiten.

Aus dem Bewusstsein, der Perspektive und der Gefühlswelt eines jeden Menschen empfindet und erzählt sich ein eigenes Universum mit einer je eigenen Geschichte. Sie wird genährt durch subjektive Wahrnehmungen einer sogenannten Wirklichkeit. Entsprechend urteilt man über alles, was uns in irgendeiner Form begegnet, betrifft oder eben auch nicht, mitempfinden oder auch kalt lässt.

Aus der transpersonalen Perspektive des irdischen und kosmischen Gangs relativiert sich dieses Subjektive. Ein überzeitliches Verständnis von Harmonie, Dissonanz und Heil lässt größere Formen und erhabenere Gestalten eines Geschehens erscheinen. Hinter ihnen verblasst das personale, singuläre Bedürfnis.

Im Prozess der Wahrhaftigkeit gilt es beide Perspektiven zu integrieren und das unendliche Universum der Blickweisen und Schauwelten anderer mit im Spiel zu halten, ja oft einfach überhaupt erst einmal  auszuhalten. Der Widerspruch will ertragen und geklärt werden. Das geht nicht ohne die Übung, das Eigene immer wieder loszulassen. Andernfalls wartet lediglich eine als Wahrheit sich maskierende Dogmatik. Der Weg der Religionen ist gepflastert mit diesen unbarmherzigen Illusionen.

Etwas weiteres tritt auf der Wahrhaftigkeitsspirale als unabdingbar hinzu. Es ist der Anspruch, sich hinsichtlich allen Geschehens und dem darauf bezogenen Verständnis immer zugleich in einer Metaperspektive zu halten. Das meint eine übergeordnete, evolutionäre, ja zeitlose Schau dessen, was wir als Bewegungen auf der Erde wahrnehmen – unsere eigene Wahrnehmung eingeschlossen. Es geht um einen unverfangenen, aus kontemplativer Weltzuwendung geborenen Blick, der die wesenhaften Bezüge, Relativitäten und Verflechtungen klarstellt. Er abstrahiert auch von mir selber als einem wahrnehmenden System und von meinen Bedürfnissen. Er fügt sich schlicht in das Größere ein.

Für die Wahrheitssuche unverzichtbar sind die überzeitlichen Weisheiten. Sie begegnen uns auf einer anderen Ebene als etwa das wissenschaftlich Verhandelte oder auch das subjektiv Empfundene. Sie gelten nicht innerhalb des Zeitlichen, sondern dem kosmischen Lauf der Dinge. Essenzen der großen Weisheitslehren finden sich in dem Schatz der Weltreligionen, aber auch in den Schlüsselwerken der Philosophie. Denken wir etwa an die Weisheitsbücher der Hebräischen Bibel, die „Herrenworte“ im Neuen Testament, die Predigt von Benares des Buddha oder auch das Tao Te King. Und vergessen wir nicht die großen überzeitlichen Tugendlehren, wie wir sie etwa bei Platon, Aristoteles und Thomas von Aquin finden.
Hier ruhen gleich dem Nordstern die Orientierungspunkte für den Wahrhaftigkeitsprozess. Nie werden wir die dort formulierten Ansprüche vollends einlösen können. Aber der Stern der Weisheit hält den nach Wahrheit strebenden Menschen auf dem Weg.

Fundamental im Wahrheitsprozess ist ein kontemplativer Weltzugang als grundlegende Haltung dem sichtbaren und dem unsichtbaren Leben gegenüber. In ihm zeigen sich die diversen Phänomene, die unserer Wahrnehmung begegnen, als geboren aus Nicht-Zweiheit, aus dem Einssein aller Dinge.
Hingabe, kontemplative Öffnung, Vertrauen und eine Spiritualität des  Lassens sind hier die Antwort auf wissensbezogene Unzulänglichkeiten. Die Wahrnehmung in der „Kontemplation“ genannten Stille ist gegenstandslos; eine auf das Sein schlechthin bezogene Regung der Liebe trägt den Menschen; ein entschlackter Geist bereitet für die Berührung durch das Unaussprechbare. Der Wirklichkeitsblick, der aus kontemplativer Haltung resultiert, scheint überzeitlich und doch inmitten der Zeit. Wahrheit offenbart sich darin als Prozess, als fließendes Licht und nicht in Stein gemeißelte Gesetze.

Wir stehen immer in der Wahrheit des Seins, auch wenn wir sie kognitiv nicht vollständig erkennen und in Worten ausdrücken können. Diese Sicherheit führt uns in jenes, was wir Gewissheit nennen. Sie braucht keine Beweise.
Es ist ähnlich wie im Sehnsuchtsparadox: Wir leben im Feld des Göttlichen schon allein durch unsere Gottessehnsucht, auch wenn immer eine Differenzempfindung bleibt. Und wir leben in der Wahrheit, auch wenn wir sie nicht vollends zu umgreifen vermögen. Es gilt zu lernen, dieser Erfahrung mit Demut, Dankbarkeit und Umsichtigkeit, aber auch einem gesunden Selbstwertgefühl zu begegnen.

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