Abseits des Lichts – Über das Wesen des Bösen I

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Es durchdringt die Geschichte der Menschheit, unübersehbar und allgegenwärtig. Wir verbinden Zerstörung, Unglück, Not und Leid damit. Es hinterlässt sprach- und fassungsloses Entsetzen, doch selten können wir es greifen. Es existiert und wirkt als grundlegende Potenz in jedem Menschen und bewahrt sich in der Vielfalt seiner Erscheinungsformen und Maskierungen zugleich den Schleier des Verkennens. Das systematische und kategoriale Denken tut sich schwer damit, es wirklich zu verstehen und zu beschreiben. Von Menschen in die Welt getragen, treten in jeder Erscheinungsform andere Rudimente zu Tage, die aus einem in tiefer Dunkelheit liegenden Abgrund zu kommen scheinen.

Wohl alle Völker haben durch alle Epochen hindurch die Kälte, das Grauen und die Angst erfahren, die mit dem Erleben des Bösen verbunden ist. Und alle mussten daran scheitern, die metaphysische Tatsächlichkeit und Wirklichkeit des Bösen vollständig zu ergründen. Sein und doch undenkbar bleiben, das kennen wir sonst nur von dem, was wir Gott oder das Göttliche nennen.
Wir stehen an dieser Stelle vor der größten Zumutung, ja Kränkung, die der nach Unendlichkeit und Allerkenntnis strebende menschliche Geist zu ertragen hat – seine Endlichkeit und damit Begrenzung. Es mag dabei die Einsicht schmerzen, dass auch die Frage nach Gut und Böse der Relativität nicht ausweichen kann – aller Ethik, allen Maximen und Normen, ja allen Glaubens zum Trotz. Handelten Hitler, Stalin und Pol Pot in den von ihnen initiierten rasenden Exzessen nicht in der Absicht, eine bessere Welt zu schaffen? Diesen Totengräbern der Menschlichkeit folgten Heerscharen in Glauben und Gehorsam. Und dieser Glaube und dieser Gehorsam waren selten blind. Auschwitz, die Gulags, die Killing Fields und auch Hiroshima sind neben den zahllosen brutalen Angriffskriegen in ihrer Entstehung und Tatsächlichkeit zwar nicht vergleichbar, weisen aber unter dem Gesichtspunkt des verstehen Wollens dramatisch darauf hin, dass Böse und Gut weit mehr sind als bloße individualpsychologische Kategorien. Vielmehr muss der Sog des Kollektiven mitbedacht werden. Und es lässt sich erahnen, dass wir es beim Problem des Bösen beim Menschen alleine als Grund und Ursache nicht werden bewenden lassen können. Allerdings ist auch nicht auszuschließen, dass die Unterscheidung in Gut und Böse überhaupt erst das Bewusstsein des Bösen erweckt und in die Welt getragen hat – eine Spätfolge gleichsam des Abschieds aus Eden, mit Abel als erstem Opfer.

Seit wir als Menschheit glauben, das Böse begrifflich identifiziert und damit unterscheidungsfähig gemacht zu haben, stellt es für jeden Menschen als potentiellen Täter die Probe auf die Freiheit dar. Es ist die Probe, die das Durchstehen der Selbstentzweiung fordert, welche im Werdeprozess der Schöpfung liegt. Die Menschheitsgeschichte leidet in Sachen Gut und Böse daran, dass der Verzweiflung und Ohnmacht ob der Unergründlichkeit und Verderbensträchtigkeit des Bösen noch immer die Versuche folgten, das so genannte Böse im Namen des so genannten Guten auszulöschen, es aus der Welt zu verbannen. Jeder dieser Versuche führte selbst in böses Handeln. Die „Achse des Bösen“ hat keinen Anfangs- und keinen Endpunkt. Sie umfasst als Spirale den ganzen Globus. Reduzieren wir die Frage von Gut und Böse auf ein binäres Weltbild, gehen der menschliche Grundauftrag und die Chance verloren, Welt und Kosmos als Ganzes zu sehen und zu verstehen. Jede Spaltung verstärkt die Illusion. Sie nimmt uns hinsichtlich der weltumspannenden Macht des Bösen auch die Gelegenheit, der noch verborgenen und geheimnisvollen Rolle nachzuspüren, welche die dunkle Macht im Erlösungsprozess des Menschen möglicherweise spielt.

Damit nicht pauschal hinsichtlich allen Unglücks und Leids vom Bösen gesprochen wird, möchte ich eine Differenzierung einfügen, die uns das Verstehen und Argumentieren ggf. etwas leichter macht.
Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646-1716) hat eine bis heute bedeutende Unterscheidung eingeführt – in das physikalische, das moralische und das metaphysische Böse.
Das physikalische Böse (malum physicum) gehört dabei dem natürlichen Seinsbereich an und umfasst etwa schwere Krankheiten, Epidemien, Naturkatastrophen und alles, was aus der Knappheit an Ressourcen resultiert. Da der Mensch allenfalls indirekt an seinem Entstehen beteiligt, aber normalerweise nicht der willentliche Auslöser ist, wäre es angemessener es als außerethisch und außermoralisch zu bezeichnen. Deshalb kann besser von einem Übel bzw. schlicht Leiden gesprochen werden. Das Übel überrollt einzelne Menschen, Menschengruppen und ganze Völker als eine Art Zufallsdesaster. Es lässt keine Chance zur unmittelbaren Reaktion. Es wirkt wie ein Verhängnis. Solchem kann ich aus eigener Kraft nicht entkommen.

Das nach Leibnitz moralische Böse (malum morale) entsteht im Menschen selbst, unter Beteiligung von Herz, Sinnen und Verstand. Es wird in ihm geboren durch Entscheidung. Seine Verwerflichkeit liegt in der frei getroffenen Wahl, willentlich und wissentlich Leben zu schädigen, zu vernichten oder seine Potentialität zu beschneiden. Allerdings bestimmen hier der Entwicklungsstand und die kulturelle Gewordenheit, was Menschen als böse ansehen. Was in einer Kultur als böse gebrandmarkt wird, mag für eine andere als gut daherkommen. Dem Kannibalen erscheint das Verzehren von Menschenfleisch genauso wenig böse wie dem Taliban die Versklavung von Frauen. Beide befinden sich und leben in einem Kontext von Werten und Traditionen, die für sie seit Generationen Bestand haben. Es sind „lediglich“ evolutionär niedere Traditionen, die vor der Einsicht in die Gültigkeit universaler ethischer und moralischer Wertvorstellungen liegen, wie sie von der Völkergemeinschaft in den Menschenrechten ausformuliert worden sind.

Von Leibniz noch übersehen wurde eine Erscheinung des Bösen, das sich in den von Menschen, oft über Generationen, geschaffenen Strukturen ausdrückt – durch totalitäre Staatssysteme, die Unterdrückung, Verfolgung und Vernichtung von Minderheiten und Andersdenkenden, festgeschriebene soziale Ungleichheit, einengende und erniedrigende Architektur etc. Selbstredend benötigt das strukturelle Böse Menschen als Vollzugsorgane, doch oft fehlt diesen die Möglichkeit zur wahrhaft freien Entscheidung, nicht zuletzt durch ein indoktriniertes Bewusstsein.

Bleibt das metaphysische und in einem tieferen Sinne wesenhafte Böse, von Leibniz lediglich als Unvollkommenheit charakterisiert. Eine Einordnung dazu in der kommenden Woche.

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