Freiheit, die ich meine…

clausAllgemein

Unausweichlich und unaufhörlich leben wir in Entscheidungen, die mal bedeutend, mal unbedeutender erscheinen. In ihnen scheinen wir frei. Was an sich großartig klingt, meint jedoch im selben Atemzug: Wir sind zur Entscheidung in Freiheit nicht nur befreit, sondern auch verurteilt. Und es stellt sich die Frage, wie weit die Freiheit wirklich reicht. Die (scholastische) Theologie lehrt bis in unsere Tage, dass die Freiheit als Willensfreiheit uns dahin führt, etwas zu tun oder zu lassen. Das sei der Sinn aller Gebote und Verbote. Ohne freien Willen gebe es keinen Verdienst und keine Sünde, keine gerechte Strafe und keinen gerechten Lohn. Solches Freiheitsverständnis richtet sich also sowohl auf das Gute als auch auf das Böse. Doch dieses – von der Evolution der Menschwerdung her betrachtet – pubertäre Freiheitsverständnis, kann einer sich am Wendepunkt ihrer Entwicklung befindenden Menschheit nicht länger als Selbstverständnis dienen. Freiheit, in der wir uns als Leben entfalten, hat nur Wert im Hinblick auf Handlungsoptionen, welche die Freiheit nicht selbst gefährden, indem sie unsere Seins-Möglichkeiten bedrohen. Wie das Leben an sich, kann sie nicht statisch gesehen, darf sie in ihrer Ausrichtung nicht als ein einmal (von „Gott“) gegebener Zustand missverstanden werden. Sie ist nicht, wir haben sie nicht, sie wird. Und sie wandelt sich. Mit unserem geistigen Wachstum steigern sich auch die Anforderungen an sie; und es differenziert und veredelt sich zugleich die innere Instanz für das freiheitliche Handeln – das Gewissen.

Alle individuellen und kollektiven Entscheidungen müssen sich heute an den Erfordernissen ausrichten, die dem Leben dienen, dem Wohl des Planeten und seiner Vielzahl an Arten und Lebensformen. Ein entsprechendes Freiheitsverständnis hält demnach bestimmte lebensverachtende Optionen nicht mehr in der Verfügung, ja der Verzicht auf sie erst macht im eigentlichen Sinne frei.

So weit die schönen Worte. Einer Wirklichkeit der Tat steht jedoch so manches im Wege.

Menschen sehnen sich nach Sicherheit, streben nach Ewigkeit im Vergänglichen. Und so geht mit allem die Furcht vor Verlust einher. Der Drang nach Dauer und Beständigkeit, der Haben und Identität aneinanderschweißt, lässt das Individuum innerlich und äußerlich erstarren. Denn er widersetzt sich der ursprünglichen Lebensbewegung hin zum Kern unseres Wesens.

Paradoxerweise wurzelt die Jagd nach den verschiedensten Formen des äußerlichen und innerlichen Besitzes im Freiheitsstreben des Menschen und in seiner Suche nach Unabhängigkeit. Gerade dadurch allerdings gewinnt die Welt des Habens Gewalt über ihn. Er missversteht Freiheit als Sicherheit, sucht, statt dem Zauber des Ungewissen und der Lebensdynamik zu folgen, seine „Freiheit“ in fester Orientierung, in unverrückbaren Koordinaten und im Konsum. So schneidet er in seinem zugestellten und zugesperrten Selbstgehäuse den Lebensfluss ab. Dieser zieht an ihm vorbei, während er die Aufmerksamkeit auf seine Routinen, seine eingespielten Rituale und auf die Verlockung der Materie fokussiert. Unermüdlich, bis Leib oder Seele oder beide veröden oder gar erkranken, eilt der Schritt im Hamsterrad. Der Mensch wird sich selbst immer ähnlicher, gleicht sich immer mehr dem an, was er sich als Orientierungs- und Verhaltensrahmen gezimmert hat. Schließlich zeigt ihm der Blick in den Spiegel nur noch die angstbesetzte Karikatur eines freien Wesens.

Wahre Freiheit kann nicht wachsen, ohne dass eine Person solche Abhängigkeitshaltungen erkennt und überwindet. Dinge, Güter, äußere Werte und Strukturen, die gleichsam ein Eigenleben führen und Zuwendung abfordern, stehen dabei im Fokus. Sie wurzeln in Zeitgeistströmungen, Moden, öffentlichen Meinungen, Moral und Gewohnheiten. Aber auch manche geistige Schulen und Ideologien, die einhergehen mit einer Engführung des Wissens und mit Verblendung, sind dafür mitverantwortlich. Abhängigkeitshaltungen entwickeln wir schließlich gegenüber Personen; wenn Beziehungen auf allen Ebenen von Projektionen, Erwartungen, Anhaften oder Abstoßung und nicht vom Sein-lassen geprägt sind. Den anderen sein-lassen allerdings kann nur der, der sich selber auch immer wieder lässt –sein-lässt, werden-lässt; der den Respekt gegenüber dem eigenen Selbst aus dem Respekt gegenüber dem anderen zieht, und umgekehrt. Erst die Freiheit des Lassens schafft neuen Freiheitsraum. Sie lässt bestimmte Optionen hinter sich und öffnet damit neue. So bleiben bzw. werden Seele und Bewusstsein, als Quelle und Strom der Freiheit entwicklungs- und ganzheitsfähig.

Das Ringen des Menschen um Freiheit in Entwicklung ist das Ringen darum, sich durchlässig zu halten für das Feld des Vollkommenen, das Feld einer überzeitlichen Ordnung, jenseits menschlicher Konstruktionen und Projektionen. In dieser Freiheit halten wir uns in Kontakt mit einem fließenden Universum, und wir erkennen uns in neuer, kosmischer Tiefe. Als sich wandelndes Leben inmitten von sich wandelndem Leben.

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