Mutter der Utopie – Die Vision

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Im alltäglichen Gerede einer Plastikkultur hat „Vision“ auch das Niveau eines Plastikwortes erreicht. Für alles Mögliche wird es benutzt. In Wirtschaftskreisen gilt es noch immer als schick und wurde letztlich doch völlig inhaltsleer, wenn man etwa von einer Unternehmensvision spricht und die Steigerung von Absatzzahlen meint.

Worauf zielt der Begriff?

Vision – das kann man zunächst als ein ins Innere gerichtetes „Sehen“ oder besser, eine Schau innerer Vorgänge verstehen. Wir begegnen hier einem sicherlich recht unscharfen Begriff, der vielseitig vereinnahmt werden kann. Was alle Bedeutungen eint oder doch zumindest in eine gewisse Nähe zueinander rückt, ist die Bezugnahme auf Erfahrungen und Vorstellungen, die das alltagsbezogene und alltägliche Denken überwinden. Die Vision ist nicht geplant oder bewusst herbeigeführt, sie geschieht, ereignet sich, widerfährt, ergreift. Sie öffnet und führt in einen eigenen Bewusstseins-, Wahrnehmungs- und Erlebnisraum. Zudem ist sie normalerweise an eine Person oder Personengruppe gebunden, auf die entsprechende Erfahrungen und Bilder zurückgeführt werden können.

Visionärem Denken begegnen wir in allen Kulturen und Religionen, und der Großteil der Offenbarungsschriften ist von entsprechendem Gehalt. Denken wir nur an die Offenbarung des Johannes am Ende des Neuen Testaments, die nach der Apokalypse ein neues, himmlisches Jerusalem verheißt. Visionen, und die sich auf sie gründenden prophetischen Berufungen, sind so untrennbar mit der biblischen Literatur und dem Anspruch einer gottgegebenen Mitteilung verbunden. Das gibt ihnen zugleich eine letzte Unangreifbarkeit und entzieht sie diskursiver Zugänglichkeit. Besonders die mystischen Traditionen der Weltreligionen leben von der visionären Verkündigung, wenn wir beispielsweise im christlichen Kontext an Hildegard von Bingen (1098–1179) oder Heinrich Seuse (1295–1366) denken. Die religiöse Vision geschieht zwar durch den Menschen als Medium und richtet sich auf den Menschen als Geschöpf im Zusammenhang mit anderem Geschöpflichem; aber ihre Verwirklichung liegt in einem weiteren Horizont als dem menschlicher Planung und Verfügung. Er bewegt sich zwischen konkreter Heilserwartung und Zeitlosigkeit.

Ähnlich dem aus visionärer Weite fließenden Utopischen bilden Krisen und unsichere Zeiten einen reichen Nährboden, nicht nur für religiöse Visionen, sondern auch ihre weltlichen, weitgehend in der Verfügungsmacht des Menschen liegenden Pendants. Jedoch sind nichtreligiöse visionäre Zukunftsorientierungen von wesentlich grundlegenderer Natur und Weltsicht als Utopien. Ihr Übergang in realisierbare Wirklichkeitsmodelle scheint in größerer, ja oft unerreichbarer Ferne zu liegen. Durch eine nicht selten schwärmerische Sprache wird dies noch unterstützt. Zudem sorgt das visionäre Denken sich nicht immer um direkte Anschlussfähigkeit zum Gegenwärtigen. Das bringt Verständnisschwierigkeiten und Missverständnisse mit sich und schafft Angreifbarkeit, bis hin zu schroffer Ablehnung und Stigmatisierung. Das Visionäre insgesamt wurde und wird so immer wieder in die Nähe von Sinnestäuschung und Halluzination gerückt, ja pathologisiert. Die arrogante und so oft zitierte Äußerung des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt, dass, wer Visionen habe, zum Arzt gehen solle, mag ein typisches Beispiel dafür sein.

Die weltliche, auf gesellschaftliche und kulturelle Veränderung hin zielende Vision, lebt und überzeugt von der grundsätzlichen Erwartung ihrer Realisierbarkeit. Sei sie auch noch so elementar und auf Langfristigkeit hin orientiert. In ihr setzt sich keine apokalyptische Unheilsprophetie, die zur radikalen Umkehr aufruft, fort. Ansteckung für den Aufbruch in eine lebenswerte und dem Leben dienende Zukunft charakterisiert vielmehr ihr Wesen. So stiftet sie Sinn. Sie begeistert, ermutigt, hält auf dem Weg und nährt. Verwirklichung geschieht durch das Gehen als Prozess und die damit verbundenen Gegenwartsveränderungen. Die Vision umschreibt und bebildert einen Wunschhorizont. Das Beschwören düsterer Zukunftsbilder schwächt demgegenüber Lebensenergie und kraftvolle Phantasie. Sie überlagert den fortwährenden inneren Appell an die Potentiale, die zur Gestaltung von Zukunft im Menschen liegen.

Die Vision lebt von der Spannung zwischen dem „schon jetzt“ und dem „noch nicht“. Und diese Spannung zieht und hält wach, auch wenn sie immer wieder die Differenz verdeutlicht, die zwischen der Idee und der Verwirklichung liegt. Erst wenn Menschen der Täuschung erliegen, die Vision eins zu eins in Lebenspraxis umsetzen zu können, wird sie zur Illusion und damit unter Handlungsgesichtspunkten kontraproduktiv. Dann auch entfaltet sie eine destruktive Wirkung, die aus der Enttäuschung über das Nichterreichbare resultiert und die sich in einer Bandbreite zwischen Ohnmachtserfahrung, Frustrationsgefühlen, Zynismus und Terror bewegen kann.

Sei die uns umgebende Realität auch noch so unerträglich und lebensfeindlich, nie darf ihr eine Macht zugestanden werden, in der die Vision zu einem realitätsfernen Fluchtvehikel missbraucht wird. Die Herausforderung menschlicher Existenz liegt immer inmitten des Lebens – egal, womit es gerade konfrontiert. Von dort beginnt der Weg in das darüber hinaus mit der Vision als Leitstern. Es ist in diesem Sinne also durchaus angebracht, das visionäre Denken, das sich im geistigen Bild für die Zukunft zu erkennen gibt, mit dem Auge gegenwartebezogener Nüchternheit zu betrachten und in der Unterscheidung der Geister nicht nachzulassen. Dies soll gerade unter dem Vorzeichen betont werden, dass der Lockruf, ja der Eros der Vision aus dem Verborgenen kommt, versehen mit dem Charme und der Verführungskraft des noch Verhüllten.

Utopie und Vision gehören derselben Lebenswirklichkeit an. Diese liegt zwar nur als Möglichkeitsraum vor uns. Doch auch eine Möglichkeit ist Wirklichkeit, wenn sie reflektiert in unseren Gedankenwelten lebt und schon allein dadurch in das Sein interveniert. Trotz ihrer Wesensähnlichkeit macht jedoch die Unterscheidung beider weiterhin Sinn. Vision ist der übergeordnete Begriff. Er ist fundamentaler, weitreichender und ganzheitlicher. Die Utopie geht aus der Vision hervor. In ihr entwickelt und formt sich Wirklichkeitsgemäßes auf ein konkret formuliertes Ideal und damit Ziel hin, und sie beschreibt den gangbaren Weg. Zerschellt die Utopie an den Bedingungen des Gegenwärtigen, sind Korrekturen, Veränderungen, ja Neuentwürfe nötig. Die Vision an sich wird davon allerdings nicht berührt, geschweige denn in Frage gestellt. 

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