Es gibt eine Grenze – Kunst

clausAllgemein

Die Kleckerangriffe der Letzten Generation auf bekannte Bilder geben Anlass, kurz über das Verhältnis von Kunst und Widerstand zu reflektieren. Zunächst jedoch sei festgehalten:
Diese leidenschaftlichen und selbstlosen Verteidiger der Erde genießen meine Hochachtung. An den neuralgischen Punkten eines verstörenden Alltagsverhaltens in die Normalität zu intervenieren und eine Konsumkultur zu irritieren – das ist nicht kriminell, das ist in der gegenwärtigen Weltsituation geboten! Solcher zivile Ungehorsam wurde vor allem durch Mahatma Gandhi weltbekannt. In Deutschland erlebte er in den achtziger Jahren eine Blüte bei den Aktionen gegen Atommülllager, Flughafenerweiterungen und die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen. Heute ist die Dringlichkeit aufzubegehren noch einmal von einer anderen, ja ultimativ zu nennenden Qualität. Denn wir laufen nicht mehr auf den Abgrund zu, er treibt uns bereits in wachsender Geschwindigkeit vor sich her. Bezogen auf das, was nötig wäre an Kurskorrektur und Umkehr erscheinen da diese Protestformen eher „zivil“ als „ungehorsam“.

Anders das Verunstalten von Kunstwerken, selbst wenn es sie nicht zerstört, sondern nur beschmutzt. Hier liegt eine Grenze, die nicht überschritten werden sollte. Der Angriff auf wahre, nicht bloß zweckdienliche Kunst, ist ein Angriff auf das Gute und Schöne, ja auf das, was wir das Erhabene nennen können. Auch wenn das nicht die Intention ist, sondern lediglich auf Erwecken von Aufmerksamkeit zielt, richtet er sich doch gegen Impulse zur Verschönerung der Welt und damit genau auf das, was wir für die Gestaltung eines Übermorgen so dringend benötigen. Nichts ist wichtiger als all Jenes, was Menschen aufbaut, womit sie in positivem Sinne in Resonanz gehen, was an ihre ästhetischen Sinne appelliert.

Der Cello-Spieler auf den Trümmern einer zerbombten Stadt; Guernica von Picasso, aus dem uns die Schrecken des Krieges gleichsam anspringen; Smetanas Moldau, in der er Macht und Würde der Elemente zum Klingen bringt; Caspar David Friedrichs romantische Naturverklärung, aus der die Sehnsucht nach einer heilen Beziehung von Mensch und Schöpfung spricht; Banksys Streetart-Graffitis, die Gewalt, Widerstand und Hoffnung vereinen…

Je ärger die Umstände, desto mehr braucht es Stimme, Energie, Präsenz und Ausdruck des Künstlerischen. Da ist dieses ganz eigene, dieses Besondere, Berührende, das sich im Ästhetischen und seiner Wahrnehmung als Schönheit zeigt; und das über die Zeiten und alle Abgründe hinweg Gestaltungskraft verkörpert.

Ästhetik und Schönheit sind auf ihre Weise in einem tiefen Sinne wahr. Wir begegnen hier einer jener seltenen Wahrheiten, denen wir uns, ohne zu zweifeln, stellen können. Sie nährt uns gerade in Zeiten, in denen dunkle Ahnungen sich verbreiten, dass Geschichte ein Ende haben könnte oder zumindest tiefe Brüche erlebt.

In der Kunst hat die Menschheit eine Weise gefunden, das zu spiegeln, was die in Natur und Kosmos liegende Wahrheit als Schönheit ausmacht. Zu Recht wurde sie in manchen Traditionen der Geistesgeschichte als die Modellierung der sichtbaren und unsichtbaren Wesenhaftigkeit, der sichtbaren und unsichtbaren Impulse des Werdens angesehen. Sie weist damit jenseits von allem, was greifbar ist, auch auf die Existenz des Geheimnisvollen. Und sie ist dem Menschen Halt und Hilfe bei dessen Betrachtung.

Kunst gibt somit Zeugnis von dem, was Menschen an schöpferischer Erkenntnis hervorbringen können. Was sie in Jahrtausenden geschaffen haben – in ihrer Art zu malen, zu formen, sich zu bewegen, sich Ausdruck zu geben, zu singen und Klänge zu generieren – ist bei aller jederzeit mitschwingenden Vorläufigkeit doch auch der Ausdruck einer Gestalt annehmenden Sehnsucht nach Vollendung bereits im Hier und Jetzt. Diese Sehnsucht ruft danach, sich zu besinnen, innezuhalten, herauszutreten aus der Raserei.

Und  es geht noch um mehr. Im Prozess der Wahrnehmung des Künstlerischen erweisen sich die Aussagen des Kunstwerks oft nicht nur in einer größeren Vielfältigkeit als Sprache. Ihnen scheint es möglich, die auf der Erde herrschende babylonische Bewusstseinsverwirrung zu überwinden. Deshalb kann Kunst durch ihre Ausdrucksweisen auch die Grenzen überspringen, die eine durchökonomisierte und rationalisierte Welt und die ihr zugeordneten Sprachen sich selber setzen. In einem blitzhaften Moment kontemplativer Schau und intuitiver Einsicht verhilft die Kunst zu einem Erkennen, das sonst kaum zu erlangen ist. Sie erreicht die Seele noch da, wo andere Zugänge unzureichend sind. Die Bewunderung und das Staunen, das sie hervorzaubert, reichen schon, um auf das Wesentliche unausgesprochen zu  verweisen. Vorstellungskraft wird geschürt. In der Imagination eröffnen sich Einblicke, wie Welt möglich sein kann.

Der künstlerische und ästhetische Prozess entfalten ihre Faszination in einer grandiosen doppelten Bewegung. Über das Absurde und Abstoßende im Dasein legen sie einen Schleier der Schönheit. Er lindert das Entsetzen. Zugleich demaskieren sie die Verschleierungen einer Wirklichkeit, die den Zugang zum Möglichen verdecken. So hilft die Kunst nicht nur, mit der Wirklichkeit fertig zu werden. Sie schlägt auch Löcher in den Beton der Beharrung. Zart scheint durch sie das Licht eines besseren Morgen.

Auf dem vor uns liegenden Weg des Hindurch wird das künstlerische Gestalten in all seinen so vielfältigen Facetten kostbare und absolut unverzichtbare Begleiterin sein. Sie erzählt davon, was möglich ist, zeigt Richtungen, führt in unbekannte Landschaften, lädt zum Verweilen und zum Staunen ein. Attackiert sie nicht, arbeitet schöpferisch mit ihr, damit die nächste, die nach der letzten Generation kommen wird, nicht in gesichtslosem Grau erstickt.

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