Pro Fanum – Was ist heilig?

clausAllgemein

Vielleicht liegt es daran, dass schon zu allen Zeiten Menschen an der Unzulänglichkeit dessen gelitten haben, was sie Realität nennen. Das Unbefriedigende, als ungerecht Empfundene, das nicht Hinlängliche bezogen auf ein Ideal von Sein und Werden. Da muss doch mehr sein…!
Und manchmal bricht dann wirklich unvermittelt etwas in das Zeitliche und uns Gegebene ein. Als heilig wird es dann bezeichnet.

Zum Heiligen wird uns das, was auf unvergleichliche Weise im Innersten berührt. Ein Schauder überkommt, im Zwischenraum von Sehnsucht und Ehrfurcht. Dafür einen Ausdruck zu finden, strecken Worte sich vergebens. Dem Klang jedoch kann dies gelingen; einer Komposition, in der das Heilige schwingt und seinen Seelen-Rhythmus findet. Mir fällt dazu das Requiem von Fauré ein.

Auch an manchen Orten verdichtet sich jene ergreifende Energie, schafft sich gleichsam ihren Raum, Fanum, in alter Sprache. Ihm wird zugestanden, heilig, ein Temenos, zu sein. Magisch vielleicht sogar, wie in manchen Kulturen; der Gottheit geweiht in anderen Traditionen. Hier gilt ein eigener Anspruch, eine eigene, auf den Raum bezogene Deutung von Vollkommenheit und eine teils sichtbare Abgrenzung zum Alltäglichen hin, dem Pro Fanum, Profanen, vor dem Heiligen liegend. Das kultische Heiligtum fordert auch im Äußeren Respekt und Demut, in angemessener Haltung, angemessenem Verhalten und angemessener Kleidung.

Heilig kann eine Quelle sein, ein Baum oder Hain. Heilig ist der Raum um den Altar; die Mauer, die noch steinernes Zeugnis vom ersten Tempel gibt, mit dem so viel begann. Als heilig gilt eine Wallfahrtsstätte im Islam, Haram, – unverletzlich, unantastbar, für Nichtgläubige verboten. Heilig sind der Sabbat und das „Heilige Land“, dem Volk Israel von seinem Gott persönlich zugesprochen.

Im Letzten jedoch bezieht Heiligkeit sich auf die göttliche Wirkkraft selber, die immer anders und immer größer und unfassbarer erscheint als das, was Menschen ihr, den jeweiligen Zeitverständnissen folgend, zugedacht, zugewünscht, zuersehnt haben. Das Heiligtum will an jene Kraft erinnern. Es wird spirituell aufgeladen, um Unterscheidbarkeit zum Alltäglichen zu schaffen.

Außerhalb des Kultischen und Geheimnisvollen liegt das Profane. Es trägt keine ihm gesondert zugewiesene geistige Bedeutung. Entsprechend unachtsam kann das Sich Bewegen und Sich Verhalten in diesem Raum des Allenthalben sein.

Ein Mensch namens Jesus löste diese Trennung auf. Er integrierte das Reich Gottes in die sogenannte Normalität. Heilig bist du danach selber, denn es ist in dir! Jederzeit, an jedem Ort kann ein Mensch diese Präsenz, die Teilhabe an der Wirklichkeit des Göttlichen wahrnehmen. Vorausgesetzt, er lässt sich darauf ein, öffnet sich und richtet sich entsprechend aus. Atmet es. Dafür muss er sich zu keiner Religion bekennen. Es ist unabhängig davon, schwebend alles durchwirkend. Einfach so gegeben.

Möge das, so könnte man denken, endlich jeder Mensch verstehen, auf dass der Tag kommen wird, an dem wir alles Leben mit dem Attribut des Heiligen in Verbindung bringen. Erst dann ist der Mensch wahrhaft angekommen im wundersamen Reigen des Seins.

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