Stilles Zuhause

clausAllgemein

„Aber das Wehende höre,
die ununterbrochene Nachricht,
die aus der Stille sich bildet…“
(Rainer Maria Rilke)

Stille … Das Universum tiefer innerer Stille liegt jenseits einer dem äußeren Auge verborgenen Tür. Ein anderes Wort dafür ist Heimat. Für einen Moment lang kommst du zu Hause an und weißt von nun an, dass dieser weite Raum immer für dich offen und dass er unzerstörbar ist. Vielleicht klingt das fremd für einen Menschen, der in der Vorstellung und der Empfindung lebt, dass das, was uns an Äußerem umgibt und worin wir unser vorüberstreichendes Leben füllen, auch unser wahres Zuhause sei. Solche Fremdheit kann sich auflösen, wenn zu den äußeren Wegen des Lebens und den Wegstationen in Kultur und Gesellschaft eine Offenheit für die Innenwege hinzutritt; gepaart mit der Sehnsucht und Bereitschaft, sie in den Landschaften der Seele zu suchen und dann zu begehen.

Das Vergängliche und jederzeit vom Tod Bedrohte mag auf dem irdischen Weg gelegentlich Rastplatz sein. Es schenkt ja auch Orte der Besinnung, des Durchatmens und des Wohlbehagens, bevor wir weiterziehen und die Orte sich selber ändern, ja irgendwann vergehen. Manchmal kommt es vor, sich wie in einem Schauspiel zu wähnen, einem gewaltigen Lebensdrama zwischen Komödie und Tragödie. Die Kulissen auf der Bühne werden dabei von dem errichtet, was wir Kultur nennen. Sie spendet auch jene zeitlebens gelernten und verinnerlichten Sinnbilder und Texte, die wir in jene Rollen einpassen, die wir spielen – zumeist zugewiesen, selten wahrhaft selbstbestimmt. Gewiss, die Wahl der Masken und der Gewänder und auch die Weise, in der wir unsere Lebensprogramme und Charaktere zwischen gut und böse füllen und bespielen, geben reichlich Raum zur Entfaltung. Doch Bühne bleibt Bühne, und Freiheit reduziert sich dann schon einmal auf die einer Lokomotive im Schienennetz.

Für das Identitätsgefühl einer Schauspielerin, die immer Gefahr läuft, ihre voller Inbrunst gelebte Bühnenexistenz als letzten Sinn und letzte Wirklichkeit zu verkennen, mag das reichen. Zumindest bis Bruder Tod ihr winkt. Doch wer die Kulissenwelt einmal durchschaut hat, beginnt vielleicht auf die leise, aber dringlicher werdende Stimme der Sehnsucht in seinem Inneren zu hören. Als Spannungsbogen zwischen schon jetzt und noch nicht möchte sie inmitten des Lebens mit dem verbinden, woher wir kommen und wohin wir wieder gehen werden. Der Fremdheit und damit dem Gefühl der Verbannung zumindest eine Weile lang zu entkommen, dafür trägt sie Versprechen und Gewissheit in sich. Wer ihren Ruf erhört, dem weist sie den Weg nach Hause.

Die kristalline Klarheit, die mit der Stimme der Sehnsucht klingt, erschüttert. Auf Dauer hält ihr keine Illusion irgendeiner Kulissenwelt stand. Vertröstung mit dem Vorläufigen und Bedingten verliert Charme und Wirkung.
Damit tritt wieder die Stille, die hinter einer bloß äußeren Ruhe liegt, ins Spiel. In ihr öffnet sich das Tor der Sehnsucht und gibt den Blick frei auf das formlose Wesen der Dinge. Nur durch Sehnsuchtsenergie und Absichtslosigkeit wird man seiner gewahr. Körperlich-seelisch verbindet es sich mit der Empfindung von Geborgenheit. Hier brauchst du keine Rolle mehr zu spielen, dich nicht einmal mehr begründen!

Was den Menschen im Reich der Stille anweht, stammt nicht aus dem Meer der Gedanken, kommt vielmehr aus einem vorgedanklichen Raum. Es fließt aus einer anderen Dimension, auch wenn wir Gefahr laufen, es gedanklich sofort einzukleiden und zuzuordnen in der Sprache und den Bildern der äußeren Welt. Doch solche Erklärungen reichen nicht mehr, wenn ein Licht berührt, das die Seelenenergie nährt und den Gottesfunken am Glimmen hält. Der Mensch sieht sich getragen durch einen Urgrund jenseits seiner Vorstellungen, Ideen, Projektionen oder Fluchtwelten.

Diese Erfahrung zieht immer wieder in die Stille. Daraus erwächst ein aufrechter Gang, fernab aller Anfechtungen. Nun erfährt die Rolle auf der Bühne des Lebens eine neue Interpretation. Denn es ist Ahnung und Gewissheit von einer Anderswelt entstanden, die nicht in einer Ferne liegt; vielmehr sind wir ja bereits inmitten und können jederzeit bewusst darin leben. Vorausgesetzt, der Mensch bricht wagend auf, das zu erkennen.

Es ist nun Weihnachtszeit. Ein Lichtschein sucht Wege in die Menschen. Er kommt aus einem „Himmel“, der höher ist als alle sogenannte Vernunft. Inmitten des Zeitlichen gibt das Ewige sich zu erkennen. Bethlehem ist überall, als der Ort des stillen Geschehens. Und nur in Stille lässt er sich finden.

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