Der Zwischenraum

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Wenn wir atmen, spüren wir diesen kleinen Moment, weniger als ein Augenblick, die Ahnung nur von einer Leere zwischen dem Ein- und dem Ausatem. Es ist weder das Eine, noch das Andere. Eine kurz aufscheinende Stille. Doch als Inmitten unentbehrlich.

Jene Zwischenraum genannte Zeit-, oder Raum-, oder Zeitraumspanne hat etwas Unbestimmtes, Unerkanntes, Geheimnisvolles. Und sie begegnet uns auf zahlreichen anderen Ebenen im Leben – als Seinsweise zwischen Nicht-Mehr, Schon-Jetzt und Noch-Nicht. Hier bereitet sich etwas vor, als Gelingen oder als Verwehen; als Geburtsregung von etwas völlig Neuem, bislang nicht Erlebten; oder auch als Fortführung einer Schleife in der Zeit. In einer unbestimmten Zone geschieht die Bewegung, innerhalb einer Art imaginärer Grenzregion ohne Barrieren, einem sich ausrichtenden Warteraum.

Der Zwischenraum, mag er auch gelegentlich so betrachtet werden, ist nichts Leeres, auch wenn er den sich in ihm bewegenden Menschen oft mit der Herausforderung des Loslassens konfrontiert. Sich in ihm zu bewegen, schafft den Raum vielmehr gerade erst mit und hält ihn schwebend eine Weile zwischen zwei geographischen Orten wie beim Pilgern, zwischen verschiedenen Erfahrungsdimensionen oder Bewusstseinswelten. Und es ist diese Bewegung inmitten, die überhaupt erst eine Beziehung herstellt zwischen dem Unterschiedlichen von Hier und Dort und Irgendwo.

Die fließende Existenz im Zwischenraum charakterisiert so weniger ein Verharren als vielmehr eine Passage; weniger Einengung und Bedrängnis als vielmehr Freiheit und den Windhauch von Abenteuer; weniger Resignation als vielmehr das Geführtwerden zur Schwelle und Darüberhinaus.

Manche Zwischenräume sind anthropologisch gegeben wie beim Atmen, andere haben sich kulturell herausgebildet oder wurden bewusst geschaffen. Die Raunächte, die wir gerade erleben, jene Zeit „zwischen den Jahren“, ist ein Beispiel dafür. In dieser markanten Phase bewegt sich mit dem Ausklang des Festes das Jahr auf einen Abschluss zu, während als Ahnung, Befürchtung, Vorfreude oder auch einfach Zukunftsgelassenheit das Neue bereits heraufdämmert.

Zwischen Leben und Tod, Werden und Vergänglichkeit, lässt sich das gesamte Sein als ein Zwischenraum sehen oder besser noch, empfinden. Zutiefst existentiell spitzt sich das zu in den Erfahrungsdimensionen, die den Raum auf den Tod zu konstituieren; in jener transformativen Jenseitsbewegung über die Schwelle. Mag man sich in rationaler Verkümmerung den Übergang vom Leben zum Tod auch als radikale und scharfe Grenze vorstellen – aus der Kulturgeschichte der Todeserfahrungen und der Nahtoderlebnisse und auch aus den großen religiösen Lehren spricht etwas anderes. Hier wird ein transformativer Raum, ein Bewegungsfeld ohne Grenzen und Türen gemalt. Dieses Feld endet nicht in einem Nichts, sondern öffnet lediglich eine andere Dimension. Vielleicht ist angesichts dieser Einsicht dann selbst der Begriff und das Verständnis von Schwelle unangemessen, weil er genau betrachtet doch nur einem dualen Bewusstsein entspringt.

Wer diesen Gedanken nachvollziehen kann, wer also nicht nur bezüglich allen Lebens das Einssein und die universale Verbundenheit erkennt und respektiert, sondern dies auf die Seinsdimensionen an sich zu übertragen vermag – dem wird sich das gesamte Leben als ein fließendes Dazwischen und Inmitten offenbaren. Immer in Bewegung, im Prozess von Werden, Gestalten, Loslassen, Vergehen und Neuschöpfung. Dieser „Transit“ vernichtet nicht unsere Heimatgefühle, die Sehnsucht nach Ankommen; aber sie wandeln sich mit. Und zwischendurch wird die Lebensbewegung selber als eigentliche Heimat erkennbar. Auch wenn dann immer wieder, mal kurz, mal länger während, Stationsräume warten bzw. bewusst von uns geschaffen werden, die zum Innehalten, Anlehnen und Nachspüren einladen. Doch auch solche Rast bleibt letztlich Reise.

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