Verunsicherung und Halt

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Sie hat viele Facetten. Auf ihrem Streifzug durch das Gegenwärtige berührt sie nicht nur einzelne Menschen und Menschengruppen. Institutionen, Staaten und Kulturen sind infiziert. Manchmal scheint es gar, dass die Menschheit als Ganzes von ihr betroffen ist. Verunsicherung liegt wie ein Schleier über den individuellen und kollektiven Bewusstseinsfeldern. Wer sie feststellt, muss allerdings Vorstellungen von Sicherheit in sich tragen. Ansonsten ließe sich das Defizit nicht reklamieren. Und mit den Illusionen von Sicherheit beginnt das Problem. Mehr Binsenwahrheit kann wahrlich nicht formuliert werden, als die Feststellung zu pflegen, dass es Sicherheit nicht gibt, allenfalls eine fragile Beständigkeit auf Zeit, die abhängig ist von nur selten beeinflussbaren äußeren Koordinaten.

Die Felder, in denen sich das Unsicherheit Genannte ausbreitet, sind zum Einen gesellschaftlicher Natur. Politik, Ökonomie, Ökologie, Kultur und Religion gehören dazu. Was den jeweiligen Bereich bzw. die jeweilige Struktur betrifft, beziehen sie in der Folge den einzelnen Menschen, der diesen zugehörig ist, mit ein. Verunsicherung der Börsen betrifft Unternehmen, Banken und letztlich den Bürger. Kirche, die mit einer substantiellen Identitätskrise ringt, raubt einzelnen Gläubigen den Halt. Politikfelder, die der grassierenden Krisen nicht Herr werden, verlieren das Vertrauen der Menschen, denen sie sich im Letzten verdanken und von denen sie getragen sind. Eine mediale Berichterstattung, die wesentlich geprägt ist von Katastrophenorientierung, Kritik, Infragestellungen und Bevormundung – wie sich das in Zeiten der Pandemie deutlich zeigte – verstärkt entsprechend die systemisch bedingte Verunsicherung.

Natürlich spielen auch rein subjektive Faktoren eine Rolle. Sie mögen mit gesundheitlichen Problemen, Fragen der finanziellen Bewältigung des Lebens, spirituellen Krisen, einem Vertrauensbruch durch einen nahen Menschen, einer Störung des Selbstwertgefühls oder auch einem Verlust von emotionaler Bindung und dem damit verbundenen Geborgenheitsgefühl zusammenhängen.

Als kurze Lebensepisode, wie sie wohl jeder Mensch durchläuft, geht Verunsicherung mit psychischem Druck und Stress einher. Diese legen sich normalerweise, wenn ihnen eine nüchterne Ursachenanalyse und entsprechende Anpassungsleistungen bzw. Bewältigungsstrategien folgen.
Demgegenüber in existentielle Verunsicherung zu geraten, kann allerdings bedeuten, Orientierung und Halt zu verlieren, die eigene Mitte nicht mehr zu spüren und sich in Reaktionen wiederzufinden, die der Persönlichkeit eigentlich nicht gemäß sind. Das kann bis zur Anwendung von Gewalt führen; sich selbst und/oder Anderen gegenüber. Aber auch sozialer Rückzug und im Schlimmsten der Fall aus der eigenen Biografie liegen im Bereich des nicht Unwahrscheinlichen.

Dass Anhaften im Außen ein Treiber für Instabilität im Innenleben ist, will nicht als Aufforderung zum Marsch in die innere Emigration verstanden werden. Natürlich bestimmt das sogenannte Äußere in nahezu all seinen Facetten unser Leben wesentlich mit, ja hält es in Händen, weil wir allein schon physisch darauf angewiesen sind. Entscheidend scheint dabei jedoch die Weise, wie wir darauf schauen und wie es uns gelingt, eine letzte innere Distanz zu bewahren. In dem Zwischenraum, den diese schafft, können Menschen ihre Gefühle klären und sich ihrer eigenen Normen und Werthaltungen versichern, wenn kollektiv Gültiges zu erodieren droht.

An sich ist Verunsicherung nicht nur unvermeidbar, sondern auch heilsam und korrigierend. Ähnlich wie Scheitern, empfundene Ohnmacht und Resignation holt sie aus zentralen Lebensillusionen. Sie will in wachem Bewusstsein durchlebt werden. Dann rückt sie die Verhältnisse zurecht, wirft Fragen auf, wendet sich denkbaren Schlussfolgerungen und Konsequenzen zu. Sie sendet Korrekturzeichen für das eigene Leben und die kulturelle Orientierung. So entfaltet sie in der Folge manch aktivierendes Potential. Voraussetzung für diese konstruktive Bedeutung ist allerdings, dass der Mensch das Fundament seiner Binnenstabilität wahrt, sich dessen gewiss ist und darin ruht. Immer wieder neu will das in kontemplativer Besinnung und überzeitlicher Gelassenheit errungen sein. Diese lehrt mich auch zu verstehen, dass ich in wesensgemäße Identifikation nicht über das außengesteuerte Ich, sondern über das größere Selbst geführt werde. Nur in diesem und damit dem Bewusstsein einer universalen Verbundenheit auch ist sie zu bewahren.

Die wesensgemäße und nicht fremdgesteuerte Identifikation spendet Halt und hält handlungsfähig in unsicherer, bzw. als unsicher empfundener Zeit. Die äußeren Dinge verlieren ihren existentiellen Schrecken, selbst wenn sie gravierend in die Abläufe des Lebens intervenieren können. Mit dem größeren Selbst verbunden, schaut der Mensch souveräner auf die Bewegungen und auch die Verfangenheiten der Welt. Das löst diese nicht auf. Aber es stellt sie ins Verhältnis und lässt beständig die eigene Verankerung in jener inneren Heimat spüren, die von Außen nicht zerstört werden kann.

Wird Selbstreflexion so zur SELBSTreflexion lösen sich manche Tunnelblickweisen, entsprechende Wahrnehmungsstörungen und darauf zurückzuführende überzogene Fokussierungen auf. Das bewahrt davor, einer mit Verunsicherung oft verbundenen Überschätzung von Risiken und Bedrohungen zu erliegen. Es nimmt damit auch jener massenmedialen Agenda die Macht, die genau in Richtung dieser Überschätzung zielt, die Aufmerksamkeit von Menschen und Menschengruppen entsprechend zu steuern sucht und darauf ihr Geschäftsmodell und in der Folge auch populistischen Erfolg gründet.

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Die Empfindung von Unsicherheit ist dem Leben beigegeben.
Verunsicherung und Angst sind eine naheliegende Folge.
In seinem Innenraum findet der Mensch jene Stabilität und jenen Halt, mit denen sich Beides überwinden lässt.

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