Der Weg des WIR (2) – Im Sturm der Wandlung

ClausAllgemein

Was auch komme, den anstehenden Prozessen gilt es sich in Würde zu stellen. Dazu gehören der nüchterne und klare Blick auf die sich ausbreitenden Zerstörungen und die damit einhergehenden Bewusstseinsmanipulationen. Vergessen werden sollte jedoch nicht das wertschätzende Gewahrwerden dessen, was noch in unserer Verfügung und Gestaltung liegt. Demokratische Freiheiten, der unendliche Kosmos von Kunst und Literatur, das Fabelreich der Musik, die Universen der Wissenschaft und die lichtvollen transzendenten Räume wären explizit zu nennen; genau wie die in unseren Ländern immer noch vorhandenen stillen und verschlungenen Wege abseits des Irrsinns und die strahlende Schönheit der Erde, die uns durch jede Blume am Wegesrand begrüßt.

Der Nüchternheit und Klarheit ist auch geschuldet, sich nicht mit der billigen Hoffnung wegzutrösten, es werde schon alles irgendwie gut. Auch lediglich auf das eigene Wohl gerichtete Zukunftsträume und darauf bezogene Illusionen, wie es gehen könnte, sind wenig hilfreich. Wir ahnen doch noch nicht einmal, was im Bevorstehenden in welche Richtung ausschlägt, ob das sogenannte Gute solches auch bewirkt oder vielleicht das Gegenteil. Martin Bubers Appell, dass wir Hindurch nur kommen, wenn wir wissen, wohin wir wollen, ist somit trügerisch. Er folgt einer unsere Kultur prägenden Zielorientierung, verbunden mit der zu befürchtenden Verbissenheit und auch Blindheit im Erreichen dieses Zieles.
Stattdessen geht es um offene Prozessorientierung, um demütige Wachheit bei jedem Schritt. Denn im Gegensatz zu einer Schlange weiß man bei einer Kultur nicht, was dabei herauskommt, wenn sie sich häutet. Immer ins Unbekannte also, auch wenn es zunächst den Boden unter den Füßen entzieht. Das neue Fundament will tastend erforscht werden – im Vertrauen in die Weisheit des Lebens und mit unendlicher Neugier auf das im Feld der Zukunft bereits Wartende. Es ist ein Hineinvertrauen in das Dahinter, das sich mit jedem Schritt ein wenig weiter öffnet.

Größer also könnte die Herausforderung kaum sein, als die eigenen Zukunftserwartungen aufzugeben und sich dem hinzugeben, was nun Neues in uns geschieht und welche Möglichkeitsräume sich offenbaren. Man wird vielleicht sogar sagen können, dass wir Hindurch nur kommen, wenn wir nicht zu wissen glauben, wohin es geht. Woher sollten wir es schließlich auch wissen, wenn wir im Letzten keinerlei Ahnung haben, was überhaupt möglich ist. Zu diesem Prozess gehört, den Schmerz und die Kränkungen zu ertragen, die mit dem Nichtwissen hinsichtlich dessen einhergehen, womit wir uns zukünftig konfrontiert sehen werden und was in zeitlosen, universalen Zusammenhängen begründet liegt. Es ist dieser Schmerz, der uns aus der Kontrollhaltung dem Sein und Werden gegenüber befreien kann.

Auf das Unerkannte hin, gilt es wach, achtsam und bereit zu sein. Die Lebensenergien wollen gestärkt und Aufmerksamkeit genau wie Mitgefühl auf die heilsamen Kräfte gelenkt werden. Halte das Herz rein und schaue mit dem Auge der Liebe. Dann lösen Grenzen sich auf. Die Fähigkeit dazu ist in uns gelegt, sonst könnten wir weder Liebe noch Mitgefühl empfinden.
Allerdings finden wir die notwendige Nahrung dafür sicher nicht in der ständigen Zuwendung zu all dem Schrecken und Grauen, das sich wie ein Flächenbrand ausbreitet. Vielmehr wird dieses Grauen durch den medialen Konsum sogar gestärkt. Heilsame Zukünftigkeit bedarf einer entsprechenden Gedanken- und Wahrnehmungshygiene, ohne das, was geschieht, zu verdrängen.

Die so verstandene Bewegung des Hindurch lässt eine besondere Qualität des In-der-Welt-Seins erfahren. Das wartende Neue hat die Führung übernommen. Es stärkt jedes unmittelbare Erleben im Außen wie im Innen und die Akzeptanz des Mysteriums, das sich vollzieht. Der Himmel, von dem wir träumen, ist ja schon da, lebt in uns, will offenbar werden. Er lässt uns schon heute aus dem Land dahinter leben, wenn wir es wollen. Vorausgesetzt sei, tiefe Selbsterkenntnis und eine Transformation in Hingabe und Demut zuzulassen. Dann kann das Alte im Vertrauen auf das Göttliche, das in Resonanz mit unserer essentiellen Wesenheit steht, sterben.

Ein überzeugtes Ja zum Leben begleitet die Bewegungen durch den Sturm der Wandlung. Das Zerfallende und das damit verbundene Leid rufen sicherlich Erschrecken und auch Angst hervor. Doch stärker als jede Verunsicherung wird die Unerschütterlichkeit des Weitergehens sein. In ihr beweist sich die Treue zum Leben.
Freiheit, in unverbrüchlicher Verantwortung für die kulturellen und biographischen Windungen, hat ihren Preis. Manchmal gibt es kein Sowohl-als-auch mehr, braucht Richtung eine klare Entscheidung. Und so wird es zu Trennungen kommen und Zugehörigkeiten kosten. Viele Menschen, denen es nur um die eigene Haut und Bewahrung des Besitzstandes an Gütern, geistigen Orientierungen und Vertrautheiten geht oder die sich durch das Heraufdämmernde lähmen lassen, werden sich der Karawane nicht anschließen. Sie wollen es nicht oder sehen sich überfordert. Vielleicht interessiert es sie einfach nicht. Vielleicht wurde ihnen aber auch nie ein Zugang gezeigt zur Wahrnehmung und Empfindung des Universellen in ihnen.
Doch auch wenn Wege sich trennen: Eine heilsame Zuwendung und eine entsprechende Verantwortung füreinander bleiben bestehen. Sie bleiben, genau wie das Verschenken menschlicher Wärme, je kälter es wird und je verwundeter die Seelen.

Der Weg durch die Transformation braucht kein schweres Gepäck. Im Gegenteil. Es ist Zeit für das „Genug“ und einen entsprechenden Lebensstil der Genügsamkeit. Loslassen, Aufräumen, Wichtiges von Unwichtigem trennen; nichts Überflüssiges mehr aneignen und kategorisieren wollen; den Kairos potentiell in jedem Augenblick erkennen und sich von der damit gegebenen Leichtigkeit tragen lassen.

Das Gefühl zu scheitern, bleibt in dem Prozess ein treuer Begleiter. Denn Barrieren, die unüberwindbar scheinen, gibt es genug. Auch ist kein Neues denkbar, ohne dass Gewohnheiten, Sicherheiten und Erwartungen zerbrechen. Im Scheitern des Alten wird der Humus des Kommenden freigelegt. Zu fallen und sich wieder aufzurichten, gehören genauso zusammen wie die Schwere des Dunklen und die lichtvollen kleinen Momente des Glücks. Entscheidend ist, den Mut dazu aufzubringen und sich nicht selber zu verlieren. In Kontakt mit dem überzeitlich Seelenhaften bleiben; die universale Verbundenheit mit der Vielfalt des Lebens pflegen. Dankbar sein für das zauberhafte Schillern der Seifenblase, auch wenn sie im selben Moment zerplatzt. Nicht müde werden, sondern wie Hilde Domin es in Worten malte, dem jederzeit möglichen Wunder leise, wie einem Vogel, die Hand hinhalten.

Äußerliche Gegebenheiten können dabei hilfreich, ja unverzichtbar sein. Ein wirkliches Miteinander in unseren Lebenswelten und ihren unterschiedlichsten Räumen der Begegnung gehört dazu. Überall lassen sich kleine soziale Inseln der Hoffnung schaffen und gestalten. Im Sturm der Wandlung schenken sie Geborgenheit – zumindest denen, die offen dafür und bereit zum Mitwirken sind.

Was auf uns zukommt an Klimaveränderung, politischen und ökonomischen Erschütterungen, an Kriegen und sich ausbreitendem Hass wird uns existentiell fordern und Vieles vergehen lassen. Es ist die Ernte dessen, was unsere dunklen, auf Materie gerichteten Energien in Verbindung mit einer außerordentlichen Trägheit des Bewusstseins gesät haben. Dem gegenüber steht das Licht, das in vielen Menschen scheint, und das wir nicht vernichten, uns allenfalls davon abschotten oder abwenden können. Als kraftvolles Feld gegenüber den Kräften der Beharrung will dieses Licht zu einem Hoffnungsstrahl heilsamer Energie gebündelt werden.

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© Grafik: Jan Rieckhoff
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Der dritte und letzte Teil Ankommen im Heimatland wird am 29. Dezember erscheinen.