Der Weg des WIR (3) – Ankommen im Heimatland

ClausAllgemein

Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort begegnen wir uns.
(Dschalal Ad-Din Rumi)

Vielleicht ist es ja eine große Anmaßung zu glauben, irgendetwas ginge zu Ende. Es verwandelt sich doch bloß in eine andere Substanz, und alte Namen taugen einfach nicht mehr, und die bekannten Schubladen lassen sich nicht mehr öffnen. Das desillusionierende Grau eines zerrissenen „Ehemals“ löst sich auf in ein Kommendes, das wie in Farbe getaucht scheint. Die Form enthüllt sich im Kommen. Dem geht keine fixierte Utopie mehr voran, allenfalls Träume von Zugewandtheit, Schönheit und Liebe. Das Kommende mag im Herannahen zunächst nicht spektakulär sein, eher wie ein leuchtender Löwenzahn in einer Steinwüste, der allerdings in seiner Kleinheit ein großes Versprechen birgt. Jene, die das erkennen, werden unsere Welt zusammenhalten. Sie tragen ein Verlangen in sich, das über jede Form und Vorstellung hinausweist.

Es ist diese Sehnsucht, die in den Tiefen der menschlichen Seele eine unversehrte Erinnerung birgt – an Einssein, Frieden, Geborgenheit und an die Anmut einer kosmischen Harmonie. In dieser Sehnsucht findet der Mensch durch die Berührung mit seinem Quell und seinem wahren Wesen zu der Energie zurück, der man den Namen „Gott“ gab. Transzendenz und Immanenz können nun auch im Bewusstsein des Menschen endlich verschmelzen. Im tiefsten Leid und zugleich einer aufsteigenden Sonne geschieht dies im Schnittpunkt des universellen Kreuzes, der Linien von horizontal und vertikal, Erde und Himmel. Liebe streckt sich vom Hier zum Ewigen. Im Wesenskern seiner Seele und ihres Ursprungs berührt, sieht der Mensch sich geführt durch eine höhere geistige Ordnung, deren Teil er ist, auch wenn er das so unendlich lange nicht erkannt hat. Eine kontemplative Lebenshaltung und ein unvoreingenommenes Lauschen in die Stille werden entsprechende Erfahrungsräume im Inneren immer weiter öffnen. Und sie werden Quelle für tieferes Verstehen, die Empfindung untrennbaren Verbundenseins und entsprechende Inspirationen sein.

Das alltägliche Leben sieht sich dadurch in eine grundsätzlich neue Orientierung gestellt. Genügsamkeit empfindet sich als Freude. Begegnungen bergen wieder Offenheit für Staunen. Und niemand muss sich davon ausgeschlossen sehen. Ja denkbar wird, dass unter den eingeschränkten Bedingungen eines geplünderten und verwundeten Planeten diese friedvolle Lebensperspektive sich über die schon jetzt bestehenden kleinen Inseln der Hoffnung hinaus ausbreitet. Wer es will, wird erkennen, dass die neuen Schätze der Welt und das, was Leben bereichert, im Innen und im Seelenhaften liegen und in Begegnungen auf dieser Ebene. Das meint nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern vom Menschen zum ganzen Leben hin. Aus dem Einen kommt ihr, und als eins sollt ihr euch empfinden in eurer Unterschiedlichkeit. So aufwachsende Kinder gestalten eines Tages das, was für ihre Eltern noch innerer Kampf und Ringen war, zu einer Selbstverständlichkeit. Ihre und damit die Wege der folgenden Generationen zu dem, was wir Glück nennen, werden anders sein als das, was wir kennen.

Auch die postapokalyptischen Räume, die Entfaltungslabore des Neuen, sind nicht frei von Ungutem und von Verfehlungen. Nicht alle Schatten wird der Mensch abstreifen können. Frieden werden auch dann noch gewalthafte Lösungen gegenübertreten. Doch es wird zunehmend unvorstellbarer, auf Gewalt mit Reaktionen auf gleicher Ebene zu reagieren. Das vorzivilisatorische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ bleibt mehr und mehr zurück, und langsam verblasst es. Vorausgesetzt, es sind wirklich Liebe und eine transzendente Beheimatung, eine ur-religiöse Verwurzelung, die dem Empfinden und Tun die Richtung vorgeben. Denn an dieser Stelle sollten wir uns keinerlei Illusionen hingeben: Das große WIR zukünftiger Menschheit bedarf einer Ausrichtung, die größer ist als es selbst. Wo der immer wieder, über alle alltäglichen Herausforderungen hinweg, Orientierung gebende göttliche Nordstern fehlt, wird früher oder später das sogenannte Allzumenschliche die Oberhand erlangen. Ich und Du und Wir halten unsere fried- und respektvolle Balance im Blick auf das ES. Das göttliche ES lässt das Ich seine größere Berufung erkennen. So verbindet es die Singularitäten zur Weggemeinschaft.

Hinter dem Feuerofen der Transformation, im postapokalyptisch genannten Raum, setzt sich Wandlung als Seinsprinzip, als Tanz des Lebens selbstredend fort. Diese Transformation erreicht auf der Spirale des Lebens allerdings ein höheres Niveau, das erlernt wurde aus dem Scheitern der vorherigen Ebenen. Dazu gehört die verinnerlichte Einsicht, dass es nie mehr Rechte geben wird, die nicht auch mit Pflichten verbunden sind. Die fortwährende Gnade des Lebens braucht die Bringschuld und Mitarbeit der Lebenden. Dann wird Fülle da sein, die nicht mehr aus Ausbeutung resultiert. Dann wächst ein Eigenverstehen, das den Schritt vom kleinen Ich zum großen Selbst geschafft hat. Vom Leben beschenkt, teilen und schenken wir weiter und beziehen alles Leben darin mit ein. Der verlorene Sohn ist zu Hause angekommen.

Jetzt wird offenbar, dass so viele zurückliegende Verirrungen und Verfehlungen, manch Schweres und die endlosen Krisen und das damit verbundene Leiden ihren tieferen Sinn, ja ihre Notwendigkeit hatten. Mag es im Einzelfall auch schwerfallen, dies zu akzeptieren. Aber sie alle rufen:
Nie mehr! Seht doch, wozu ihr im Schönen in der Lage seid. Und vergesst nicht: Gott ist schön, und liebt die Schönheit…

Einmal, am Rande des Hains,
stehn wir einsam beisammen
und sind festlich, wie Flammen
fühlen: Alles ist Eins.
Halten uns fest umfasst;
werden im lauschenden Lande
durch die weichen Gewande
wachsen wie Ast an Ast.
Wiegt ein erwachender Hauch
die Dolden des Oleanders:
sieh, wir sind nicht mehr anders,
und wir wiegen uns auch.
Meine Seele spürt,
dass wir am Tore tasten.
Und sie fragt dich im Rasten:
Hast Du mich hergeführt?
Und du lächelst darauf
so herrlich und heiter
und: bald wandern wir weiter:
Tore gehn auf…
Und wir sind nicht mehr zag,
unser Weg wird kein Weh sein,
wird eine lange Allee sein
aus dem vergangenen Tag.
(Rainer Maria Rilke: Dir zur Feier)

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© Grafik: Jan Rieckhoff
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