In gedanklicher Annäherung an den Zustand der Menschheit, von Mutter Erde, von Fauna und Flora, tritt neben Unübersichtlichkeit, Verwirrung und Verunsicherung eine Einsicht namens Resignation. Stellen sich dem Denken dann noch Gefühle als Erkenntnisweise der Empfindungsseele an die Seite, wird ein Mensch schnell von Schmerz übermannt, von Entsetzen, Wut und Trauer.
Ungebremst rasender Irrsinn in einer eiskalten technologischen und verdinglichten Umwelt beschreibt die dominanten Charakterzüge des Menschentums im gegenwärtigen Äon. Diese Dynamik ist nicht mehr die Folge bewusst vorgenommener Steuerungen, sondern sie folgt ihren eigenen Gesetzen. Global tief in die Strukturen eingewoben, hat sie sich verselbständigt, verbunden mit unaufhebbaren und weitgehend alternativlosen Abhängigkeiten.
Über diesen Vernichtungsfeldzug das Urteil zu sprechen, hat sich das Gericht der Erde, die maßregelnde Instanz über Tun und Nichttun begonnen im Unsichtbaren zu sammeln. Es entscheidet nach der Wahrheit der ewigen, natürlichen und unveränderbaren Gesetze. So schafft es schmerzvolle Klarheit. Verderben muss, was Leben verdirbt. Des Menschen Unmaß verblutet. Durch sich selber geht die Weltkultur der Lebensmissachtung zugrunde. Der Niedergang folgt dem Verprassen der Fülle wie der Winter dem Herbst, wie die Nacht dem Abend. Unausweichlich. Denn schon lange ist der Sommer vorbei und damit die lichterfüllten Tage.
Zugleich wachsen im verborgenen Stilleraum der Schöpfung langsam die Keime der neuen Zeit. Sie fassen Fuß in den Geisträumen der Liebe und den Feldern rechten Tuns, die von jenen hinterlassen werden, die dem Verhängnis würdevoll gegenübertraten.
Dem unweigerlichen Wirken der Geschichte ins Auge zu sehen, den Prozess von jahrhundertelanger Vernichtung mit dem folgenden Rückschlag des Pendels zu verstehen und doch vertrauend nach vorne zu blicken, stellt in einen Zwischenraum. Was ist dort gefordert, und was hält sich bereit?
Dem Mystiker Meister Eckart folgend, ist immer der gegenwärtige Moment der entscheidende im Leben und immer der Mensch, dem du gerade begegnest der wichtigste. Im Geiste Albert Schweitzers tritt hinzu, dass alles uns umgebende Leben die ganze Aufmerksamkeit und Zuwendung fordert. Verantwortung gerecht zu werden, geschieht ausnahmslos unmittelbar, auch wenn die Auswirkungen bis weit in die Zukunft reichen können. Im Unmittelbaren und Unbedingten gestalten wir Welt. Hier geschieht Heilung: für ein kleines Stück Boden, ein hungriges Tier, ein trauriges Kind, einen vertrocknenden Busch. Der Satz von Jesus in dem Gleichnis vom Weltgericht (Mt. 25,40): „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ erweitert sich über den Menschen hinaus auf das ganze Leben. Zugleich ist jede dieser Zuwendungen zu einem Du Zuwendung auch zu sich selbst. Es beruhigt, besänftigt, stärkt. Es erhebt den Geist.
Das Jetzt ermahnt uns, den dunklen Eingebungen und düsteren Impulsen nicht zu folgen, keine trostlose Energie zu verschütten, die Segel für den zarten Wind des Wandels nicht zu streichen.
Ziellos will Liebe ausgestreut werden, die Hilflosen Halt gibt und sie wärmt. Immer „einfach so“.
Es geht darum, das Feld des Lebensdienlichen zu stärken, sich aus Ohnmacht zu erheben und nicht auf Dankbarkeit zu warten. Solche Felder bleiben, und sie halten den fruchtbaren Boden über Generationen. Durch Liebe bringen sie Frucht gerade dort hervor, wo Verwüstung die äußeren Sinne in Bann zieht und lähmt.
Die Erkenntniskraft der Liebe nimmt keine Ruinen wahr, sondern die kleine Blume, die aus deren Mauern wächst, scheinbar ohne Nahrung. Über die Schlachtfelder des alltäglichen Wütens hinaus geht der Liebe Blick in friedvolle Weite. Zum Leben und zu Menschen hin, die du nie gesehen hast und nie kennenlernen wirst. Stellt sich dieser Liebe etwas entgegen oder mindert sie durch Blicke und Worte – wir wenden uns davon ab. Der Flug in unser morgen negiert den Strom der Lebensverachtung – mit Flügeln aus reiner Sehnsucht und getragen vom Wind tätiger Hoffnung.
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