Ausdehnung, Grenzüberwindung, Anhäufung und enthemmter Verbrauch liegen im Wesen des Menschen. Sie zeichnen verantwortlich für den Großteil der Probleme auf unserer Erde. Deshalb appellieren die Tugendlehren seit Urzeiten an Maß und Mitte. Sie fordern Selbstbegrenzung.
Das moderne Verständnis des Begriffs geht wesentlich auf den Gelehrten und Zivilisationskritiker Ivan Illich (1926 – 2002) zurück. Er sah eine bewusste Begrenzung des technologischen und industriellen Fortschrittes als unabdingbar für die Zukunft der Menschheit an. Gehe dies nicht gleichsam in das gesellschaftliche und kulturelle Selbstverständnis der Zivilisation ein, wende sich die Entwicklung gegen sich selbst. Was zunächst als nützliches Werkzeug gedacht war, entmündige und bedrohe Mensch und Menschheit. Der Zauberlehrling muss zusehen, wie die von ihm entfesselten Kräfte sich verselbständigen.
Gleichwohl meint der Ruf nach Selbstbegrenzung ungleich mehr, richtet er sich nicht nur an das gesellschaftliche und kulturelle, sondern auch an das kollektive und personale Selbst. Was das wohl heißen möge, dazu einige Gedanken.
Ausdehnung ist im Grunde nicht ungut, vielmehr für das Miteinander des Unterschiedlichen notwendig. Ansonsten könnte sich Leben auf der Erde nicht organisieren und im Einklang miteinander sein. Räume und räumliche Reviere verstehen sich dabei als Fließgleichgewichte unterschiedlicher Dehnungsbewegungen.
Eine wichtige Rolle spielt in diesem Prozess das Identitäts- und damit Schutzraumverständnis des jeweils Anderen, und in der Folge die Notwendigkeit wechselseitiger Empathie. Diese wiederum bringen wir nur auf, wenn wir hinsichtlich unserer Bedürfnisse gelernt haben in existentiell Notwendiges, Wünschbares, das nicht in andere Räume und Selbstverständnisse interveniert und in das Grenzüberschreitende und damit Überflüssige zu unterscheiden. So verstanden meint Selbstbegrenzung, schon allein dadurch in Verbundenheit zu leben, dass wir vom anderen Leben her denken und empfinden. Der Mensch geht auf im Gesamt der Schöpfung, voller Dankbarkeit und Demut gegenüber dem Gegebenen, dem Reichtum des Erdenhaften und der unermesslichen Fülle in Natur und auch Kultur.
Die Gefühle richten sich auf das Wesentliche, ohne Ansprüche, die das übersteigen, was es zu einer Existenz in Würde braucht. Einfachheit in einem tieferen Sinne erhebt sich über den Habendrang und die Betäubung der Lebenssehnsucht durch rastlosen Konsum.
Selbstbegrenzung nimmt aus den Zerrissenheiten. Sie zentriert, heilt und bereitet das Fundament für Selbstermächtigung im Rahmen des mir gegebenen Entwicklungsraumes. Eine weitgehende persönliche Autonomie bei gleichzeitiger Stärkung der Kooperationsfähigkeit verbinden sich damit. Als Bewusstsein führt sie das Eigensein in eine Harmonie mit sich – hinsichtlich der ihm gegebenen Form, seiner Potentiale und seiner Einbettung in gemeinschaftliche Kontexte. Es beantwortet dem Einzelnen die Frage, wie er denn gemeint sei. Als Empfindung wird Selbstbegrenzung zur Voraussetzung, anderem Leben selbstbewusst zu begegnen und zwar ohne Ansprüche diesem gegenüber. Sie zielt auf Konvivialität.
Selbstbegrenzung kann lassen. Sie gibt frei. Sie ermöglicht, einfach zu sein. Sie wird zur Basis für ein gesundes Verständnis und eine im Herzen ruhende Empfindung von Heimat; der äußeren sowohl als auch jener unzerstörbaren im inneren, seelischen Raum. Ihre schönste Frucht lässt sich mit dem kontemplativen Ideal umschreiben als:
Ganz bei sich und doch mit allem verbunden.
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