Du weißt es doch nie. Unscheinbar und irgendwie belanglos wie immer beginnt dein Tag. In Denk- Wahrnehmungs- und Empfindungsroutinen verfangen, strömt viel an dir vorbei, begegnungslos. Und dann bricht unmittelbar die Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen, von einem alles verändernden Unfall in deinem Umfeld, die Konfrontation mit einem nie für möglich gehaltenen Vertrauensbruch, eine Entscheidung, die all deine Pläne zunichte macht mitten in die Existenz. Solches Geschehen reißt eine Wunde in Herz, Geist und Seele. Es passiert ein Einschnitt in empfundene Ganzheit, in ersehntes Heil-Sein. Der dahinfließende Lebensstrom aus Normalität sieht sich unterbrochen. Ein Zeichen hat sich vor dir aufgebaut. Es weist auf Grenzen hin, wo du sie nicht vermutet hättest. Es zeigt auf deine Verletzbarkeit und spricht von Vergänglichkeit.
Kein Makel ist solche Seinswunde, sondern unverzichtbarer Teil der Geschichte eines Menschen, ein Beleg für Kontakt mit dem Leben und die Einbettung darin. Niemand kommt an ihr vorbei. Es gilt sie zu tragen. Wer das verneint, stets ausweicht, auf Dauer verdrängt oder in den Rückzug flüchtet, will nicht leben und endet unglücklich.
Die Wunde erinnert und, ja, sie stärkt, wenn wir sie mit Würde tragen. Mag es sich für Oberflächengeister auch sonderbar anhören – als Lebenszeichen hat sie eine dunkle Schönheit.
Aus manchen Wunden werden irgendwann Narben. Wir sind voll davon. Einige kann man sehen, sie fühlen und begreifen. Andere haben sich in Haltung, Gang und Gesichtszüge einen Ausdruck geschaffen. Wiederum andere liegen noch tiefer. Sie stammen von den Wunden im Herz und in der Seele.
Narben legen einen Schutz über die Wunde. Verletztes soll nicht unangemessen berührt werden, Blut und Lebensenergie im Körper verbleiben. Sowohl äußere, als auch die seelischen Narben, etwa die Narben der Liebe, bilden eine Art Ersatzgewebe, das Lücken schließt, aber auch Einschränkungen mit sich bringt.
Von manchen Narben wissen wir gar nicht, dass sie da sind. Sie liegen hinter Spuren von Erinnerungen, prägen uns aber trotzdem tief; wie bei körperlichen oder seelischen Verletzungen in der Kindheit oder bei Missbrauch. Sie beeinträchtigen oft zeitlebens, bis ihr Ursprung sich einen Weg ans Licht gebahnt hat und vielleicht eine Bewältigung beginnen kann. Es kommt sogar vor, dass offene Wunden unerkannt in uns existieren. Sie müssen zunächst erst einmal entdeckt werden, bevor Narben sich bilden können. Das begegnet uns vor allem, wenn Verwundetes mit tiefer Scham, Schuldgefühlen oder Ekel verbunden ist und sich ein Schleier der Verdrängung darüber gelegt hat. Andere, durchaus bewusste Wunden, sperren sich dagegen zu heilen. Bei posttraumatischen Belastungsstörungen kommt dies vor, wenn unbearbeitete Schreckens- oder Schockerlebnisse, die im Nervensystem gespeichert werden, unvermittelt wieder vor Augen stehen; ausgelöst durch ein Geräusch, einen Geruch, ein Bild, eine Bemerkung oder auch nur einen Blick in das Vergangene.
Sowohl körperliche als auch seelische Narben können aufbrechen und eine Wunde mit dem dazu gehörenden Schmerz wieder bloßlegen. Unachtsamkeit der Mitwelt und/oder fortwährende eigene Grübelei erweckt das zum Teil bereits Bewältigte neu. Zumeist allerdings ruhen unsere Narben als Mantel des Schutzes still. Sie entwickeln sich von einem Fremdkörper zum Teil meines körperlichen oder seelischen Leibes.
Die Narbe hat den Menschen verändert. Die Stelle, an der sie sitzt, ist visuell oder durch Empathie spür- und wahrnehmbar. Manchmal fühlt sich der entsprechende Bereich auf der Haut oder der Seele taub an. Was kein Defizit und keine Schwäche ist. Es lässt überhaupt erst eine in Maßen befreiende Distanz, was das verwundende Geschehen betrifft, zu.
Das die Vernarbung Verursachende nutzt gelegentlich den Traum, um auf sich aufmerksam zu machen. Ein anderes Mal dämmern in stillen Stunden Gedanken ins Bewusstsein, die neue Zuwendung für das vor langer Zeit Geschehene einfordern – weil da noch Unbewältigtes liegt, man vielleicht einen Menschen, von dem man enttäuscht oder verlassen wurde, nicht auf eine Weise loslassen kann, wie es heilsam wäre; aber auch, wenn die stetige und gelassene Bewegung der Zeit den schlimmsten Schmerz so beruhigt hat, dass wieder klare Gedanken gefasst werden können.
In die eigene Biographie integrierte Wunden und Narben durchlaufen einen Wandlungsprozess. Aus dem Anlass zur Erinnerung werden Augen der Seele. Sie schauen mit der Fähigkeit des erfahrenen, des wissenden, des zur Empathie fähigen Menschen auf das, was geschieht. Sie mahnen zur Um- und zur Vorsicht. Sie lassen nun das, was einem selber widerfuhr, auch im Anderen erspüren. So vermögen eigenes Ertragen und eigene Bewältigung fruchtbar zu werden für das Erkennen und die Heilung des Du.
Durch seine Narben wächst der Mensch zur Ganzheit, die Ausdruck gibt von der Fülle des Seins. In Freude und Schmerz, in Verwundung und Heilung, in Herausforderung und Meisterung. Selbst wenn dieses heißt zu akzeptieren, dass ein Schmerz verbleibt, eine Wunde sich nicht schließt und aus ihr leise eine stete Traurigkeit fließt.
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