In der wachsenden Zerstörungsenergie zwischen den Völkern und Kulturen, zwischen Mensch und Mutter Erde, ja oftmals zwischen uns, zeigt sich das Drama der gegenwärtigen Epoche.
Es ist erlebbar, wenn bewusst wird, wie Menschen in der herrschenden Megamaschine schrittweise zu Marionetten mutieren. Wenn mit ihren Gefühlen gespielt und sie gelenkt werden. Sie sich klaglos einpassen in den digitalen Wahn. Bis eines Tages unerwartet die Stromversorgung zusammenbricht und Heere an Hilflosigkeit taumelnd, orientierungs- und perspektivlos das Überleben suchen.
Wir haben im Großen nicht die Macht, diese Entwicklung zu stoppen. Und im Alltäglichen mangelt es an Klarheit und Mut, reibt die Energie sich auf im Ringen zwischen Zuversicht und Vergeblichkeit. Etwas nicht zu vermögen, ist jedoch nur das eine. Manche Wirkmöglichkeit bleibt davon unberührt. Etwa die Erinnerungskultur.
Dass in der Erinnerung das Geheimnis der Erlösung ruht und Vergessen das Exil verlängert – dieser Urgedanke des Volkes Israel liegt der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zugrunde. Erfahrung, Mahnung, Hoffnung und Appell finden in ihm einen gemeinsamen Ausdruck. Grundsätzliches, ja zutiefst Existentielles lässt sich daraus lernen: Das Geschehen im Fluss der Weltzeitstunden will berichtet und dokumentiert sein – als Verarbeitung für die Betroffenen und Botschaft für die Kommenden. Professionelle Dokumentationen und Erzählungen mögen dabei hilfreich sein. Wesentlicher sind jedoch die Geschichten aus dem Alltag, aufgezeichnet von dir und mir.
Die Schönheit in den kleinen Dingen und Begebenheiten; Schrecken, Angst und Zuversicht; Aufbegehren, Träume und Hoffnung; Widerstand und Vertrauen; sich suchende Klarheit und Glaube. Als persönliche Wahrnehmungen und Erlebnisse suchen sie nach einem Ausdruck. In eigenen Sprach- und Erfahrungsräumen. Und das auch aus einer übergeordneten Perspektive, in der wir uns und unser In-der-Welt-Sein still und unbefangen beobachten. Für die Kinder und Kindeskinder. Damit diese sich und ihr eigenes Werden beizeiten besser verstehen in dem, was ihnen bereits nicht mehr gegeben war und was sie so auch niemals haben werden. Damit ihre Sehnsucht mit Orientierung genährt wird. Damit Geschichte aufhört, sich in wechselnden Kleidern endlos zu wiederholen. Nicht, dass das Vergangene wiederkommen könnte oder sollte. Aber ein Zeichen kann es geben, dass immer auch anderes denk- und lebbar ist als das momentan Dominierende.
Dafür brauchen die Gegenwartskulturen solch unverbrauchte und ungedeutete Erzählungen in lebensnahen Darstellungsweisen. Als eine neue Kultur der Verschriftlichung. Verfasst und festgehalten in analoger Form und zusammengeführt in kleinen Bibliotheken alltäglicher Begegnungsräume.
So kann eine Kultur lernen, die Lebensgeschichten ihrer Gegenwart für die Träger des Zukünftigen zu bewahren. Als Merkzeichen der Erinnerung aus einer vergehenden Welt. Deren Potential mit den Biographien der Kommenden zu verschmelzen, birgt eine außerordentliche Chance, bis dahin ungedachte Möglichkeitshorizonte hervorzubringen. Durch Residuen, die sich zu Keimen wandeln.
Analoge Schicksalsdokumente können lehren, die Stoppschilder nicht zu übersehen und den lockend-mahnenden Ruf zu vernehmen:
Geht einen anderen Weg. Dem inneren Licht nach, nicht der äußeren glitzernden Eintönigkeit. Folgt dem Luftballon, den der Frühlingswind in unbekannte Felder führt. Tanzt die Illusionen in euren Herzen und mit allen Sinnen. Denn sie sind das Schönste auf der Welt. Auch wenn sie gerne zerplatzen. Wie eine Seifenblase haben sie doch schillerndes Farbenlicht für einen Moment ins Leben geschenkt. Hol sie dir immer wieder. Der unsichtbare Seifenbläser hört nie auf sie zu verschwenden. Und auf der Haut bleibt eine kurze Erinnerung im Moment des Verschwindens.
Das analoge Gegenspiel braucht keine Rechenzentren und empfangenden Geräte. Es findet statt, aus uns heraus. Authentisch und aufgeschrieben, niedergelegt in Archiven, die zugleich offene Schreibstuben und Erzählräume sind. In jedem Dorf, jeder Stadt und jedem Stadtviertel lassen sich dafür Räume und betreuende Hände finden. Als Begegnungs- und Gesprächsstätten und als Erinnerungskultur für eine wartende Zukunft.
Zum Anhören klicken Sie bitte hier
Wenn Sie meinen Blog abonnieren möchten, klicken Sie bitte hier

