Gefühle haben eine solche Macht, dass sie unsere Wahrnehmung weitgehend an sich binden. Je intensiver das Gefühl, je dominanter die Überlagerung des Bewusstseins. Dies betrifft sowohl Freude, Euphorie und Wohlbefinden als auch das Leiden. Da dieses oft mit schwerem körperlichem und/oder geistigem bzw. seelischem Schmerz einhergeht, findet sich hier die Herrschaft über die Sinne am Ausgeprägtesten – was evolutionär betrachtet, durchaus Sinn macht. Weist der Schmerz doch auf einen Mangel, ein Defizit, eine Wunde bzw. die Verletzung des Zustandes hin, den wir als intakt, gesund bzw. heil bezeichnen. Leiden ruft nach einer Antwort, nach Wiederherstellung bzw. einem unversehrten Neubeginn. Gleichzeitig gibt es eine weitere Seite, die es verdient, nicht aus der Beachtung zu fallen bzw. überhaupt erst einmal in sie zu gelangen.
Jede Befindlichkeit ist neben den Gefühlen, die mit ihr einhergehen, zugleich eine Weise Welt wahrzunehmen und damit eine Form von Erkenntnis. So auch das Leiden. Selbst das Schlimmste gereicht zur Entwicklung, wenn wir lernen, in ihm das zu erkennen, was über alle Unbegreiflichkeit und alles Unverständnis hinaus zur Selbst- und Welterkenntnis beitragen will. Wer tief ins Leiden verstrickt ist, dem mag diese Aussage als Zumutung erscheinen. Und kaum ein anderer Begriff in unserer Kultur ist ja auch mit einer vergleichbar dunklen Aura umwoben. Leiden steht für das Negative im Leben schlechthin. Eine berechtigte Deutung, wenn ausschließlich der Horizont des Schmerzes, des Verlustes und des Nichtgelingens betrachtet wird. Wo gäbe es da positive Energie?
Zugleich handelt es sich jedoch um eine Wahrnehmungseinschränkung, die aufgehoben werden kann, wenn das Leiden sich zwar als schmerzhafter Eingriff darstellt, dies jedoch im Kontext der Seinsvielfalt und der Seinsfülle gesehen wird, in der wir aufgehoben und geborgen sind. Das Werden bewegt sich grundsätzlich zwischen Gipfelerfahrung und Konfrontation mit den Untiefen. Der Anspruch an das Leben als mehr oder weniger ununterbrochenem Glückszustand wäre ein existentielles Missverständnis. Es ließe uns abstumpfen, ließe die Sinne und Empfindungsfähigkeit, auch gegenüber dem Schmerz des anderen Lebens verkümmern. Das Leiden hält auf seine Weise wach und offenbart so Sein als eben nicht gleich-gültig.
Insbesondere die seelischen Leidensempfindungen können als Rufe des Lebens nach einem größeren existentiellen Rahmen gesehen werden. Oft wird das Neue und noch Unbewusste ja erst vor der schmerzhaften Erfahrung des Defizitären erkennbar. Leiden zeigt sich dann als destruktiv und produktiv zugleich.
Eine Neuorientierung bzw. Erweiterung von Sinn und in der Folge von Handlungsmöglichkeiten zeigt sich bereits, wenn der Mensch anfängt am Leiden zu leiden, in der Folge neue Ziele bestimmt und innere Räume errichtet, um diese Ziele zu erreichen. Das ist ein schöpferischer Prozess. Über die Unabänderlichkeit des Leidens hinaus und durch die von negativen Energien angegriffenen Lebensräume hindurch werden darin die ersten Schritte gegangen. Es sind Schritte in errungener, in erkämpfter und damit wahrer Freiheit. Die alten und morschen Brücken des Gewordenen bleiben hinter uns. Das meint ungleich mehr, als das Leiden in überkommener kultureller Form tapfer und pflichtgemäß einfach auszuhalten. Zwar zeigt sich in solchem Aushalten ohne Zweifel eine besondere Größe. Dieser heroische Akt liegt jedoch auch nahe an resignativer Verlorenheit bzw. einer Überhöhung, ja Mystifizierung des Leids.
Die Annahme des Leidens und sein Verständnis als Erkenntnisform und Aufbruchssignal führen über den Erfahrungsweg der Kommunikation. Dies betrifft zwei Ebenen. Die Kommunikation mit dem Leiden selbst ist das Eine. Es führt den Menschen in die wohl größtmögliche Intimität mit sich und mit dem, was ihm in diesem Inmitten als verwundender Feind gegenüberzustehen scheint. Mit diesem Leid verursachenden innerlichen Gegenüber gilt es in Kontakt zu treten. Dann wird Schritt um Schritt, im Dialog mit jeder inneren Einschätzung, jedem Urteil und jedem ausgelösten Gefühl offensichtlicher, wie ich das mir Zugehörige im Bewusstsein abgespalten habe, nur weil es mich verwundet. Erst wenn ich in der Kommunikation mit dem Leiden erkenne, dass ich es selber bin, dass der Beobachtende das ist, was er beobachtet und der Ertragende das, was er erträgt, kann die Heilung als schöpferische Bewältigung beginnen.
Das Andere fordert eine über mich hinausgehende Kommunikation, verbleibt mein Leiden doch nicht bei mir. Es betrifft direkt oder indirekt immer andere Menschen mit und erfährt so Resonanz. Das Zur-Sprache-Bringen des Leidens erweist sich als Voraussetzung, es durch die Wahrnehmungen des Du noch besser zu verstehen und in seinen Ursachen annehmen zu können. Das Ansprechen alleine verändert zudem bereits das Empfinden. Denn Kommunikation des Leidens zwingt dazu, die Tunnelperspektive dunkler Umklammerung zumindest partiell zu verlassen und das Empfundene in ein soziales Kleid zu passen, das wir Sprache nennen.
Die existentielle auf das Wachstum des Menschen ausgerichtete Herausforderung des Leidens besteht demnach darin, die Einkerkerung in der eigenen überkommenen Lebenswirklichkeit zu überwinden. Geschieht dies nicht, bleiben wir Opfer des nicht Verstandenen und vor allem auch der überkommenen erlernten und sozialisierten Weisen, mit dem Leiden umzugehen. Dann mögen wir vielleicht sogar dazu tendieren, das Leiden zu zementieren, ermöglicht es uns doch, die Verhältnisse, die wir schufen, ohne den Schmerz des Lassens und die Herausforderungen des Neuanfangs beizubehalten. So wird das Leiden zur alles beherrschenden Instanz. Vor allem aber bleibt dem Leidenden der Zugang zu der Erfahrung verstellt, dass es an der Quelle des Seins, am Ursprung unseres Wesens und in der Tiefe des Selbst nichts mehr gibt, das verwundet werden kann.
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Das Foto stellt einen kleinen Ausschnitt aus einem Seitenaltar im Dom zu Münster dar.

