Der Sinn, der uns einst ergriff, in uns durch Stetigkeit zur Gewissheit reifte und so zum Nordstern auf der Lebensreise werden konnte, bricht weg. Nackt stehst du da, bist dir eine einzige Frage, so wie der Weltenlauf in seinem Menschenirrsinn auch. Die tragende Hand Gottes als kindliches Wunschbild entlarvt, transzendenter Rückhalt in Bodenlosigkeit abgestürzt. Das Gebet schmeckt schal im Versuch, es mit den Lippen zu einem Klang zu formen. Vor die kontemplative Stille, die aufzusuchen dir Ritual, Pflicht, Hoffnung und Segen zugleich war, schiebt sich ein überdrüssiges Warum.
Alles zu satt, alles zu ver-rückt; die Maßstäbe zerbrochen; Horizonte mit düsteren Farben gemalt; das Schöne zu oft der Wahrnehmung entzogen, so wie das Wahre auch.
Wohl dem, der in solchen Hiobphasen die Treue wahrt: Zu seinem ersten und letzten Grund, zu dem Geheimnis, das er ist und bleiben wird. Der sein Staunen nicht vollends verliert, gerade auch über solche Dunkel-Befindlichkeiten. Wenn wir nicht den Glauben, die Idee und das Wissen daran aufgeben wollen, Teil und Spiegel des Ganzen, ja des Absoluten zu sein, steht als oberster Grundsatz das Aushalten – durch alle Erschöpfung, Kränkung und berechtigte Rebellion hindurch. Insbesondere gilt dies, wenn das Streben nach existentieller und transzendenter Gewissheit sich in einem undurchdringlichen Nebel im Nichts zu verlieren scheint, die verborgene Gottheit es gleichsam auf die Spitze treibt. In diesem Nun will erkannt sein,dass Gottessehnsucht, das Verbergende und das Verborgene zusammenhängen und aufeinander verwiesen sind. Die ausnahmslose Verbundenheit alles Seienden gilt selbstredend auch hier.
Versagt sich jedoch selbst diese Erkenntnis, dann verbleibe wenigstens die Wahrnehmung eines letzten Widerhalls in uns, die als feines Echo aus dem Raum des Transzendenten sich im Hinterland unseres Bewusstseins rührt. Wir dürfen für eine Weile ziellos und unstet durch unser Leben streifen, aber nie zügellos. Verlassen zwar in der Selbstwahrnehmung und doch eingebunden in die natürliche Ordnung und eine unumstößlich verbleibende Ehrfurcht vor dem Leben. Sie werden dann zur rechten Zeit den Anstoß dafür geben, aller Dunkelheit zum Trotz neu in die Gewissheit hineinzuwachsen, dass das, was wir entbehren, doch immer schon da ist. Es scheint nur gerade außer Reichweite. Was aber wohl eher mit uns als dem Entbehrten zu tun hat.
Offenbarung des Absoluten und seine Verborgenheit sind nicht unabhängig voneinander denkbar. Das uns Begegnende, das Relative und Bedingte, das wir wahrnehmen und verstehen, ist zwar nur eine Facette des Ganzen und doch mit dessen Unergründlichkeit verbunden. Das will jederzeit akzeptiert werden, um nicht in einer Schleife von überzogenen Erwartungen und folgenden Enttäuschungen über das Schweigen Gottes zu lamentieren oder gar dessen Tod zu proklamieren.
Der Gottesfinsternis und entsprechend empfundener Leere kann nicht vollends ausgewichen werden. Das lehrt nicht zuletzt die Getsemani-Nacht am Ölberg in Jerusalem – damals vor zweitausend Jahren. Metaphysische Beklemmung breitete sich in der Heilsgestalt aus. Dass das Ziel allen Sehnens und aller Hingabe sich zu entziehen scheint, ruft tiefe Verlassenheitsgefühle hervor. Doch genau dieses will in Treue als Forderung und Impuls verstanden und angenommen werden. Treue darf manchmal auch blind mit den Augen des Geistes sein, solange die Augen des Herzens noch liebend sehen.
Der Mensch ist gefordert, das Dunkel als dem Göttlichen zugehörig zu verstehen und es anzunehmen. Für das, was wir „Gott“ nennen, ist es eine wesentliche Seinsweise. Sie entreißt aus der Verfangenheit in die eigenen Bedürfnisse und Wunschwelten. Treue in einer Beziehung und damit auch die Treue zu Gott besteht ihre größte Bewährungsprobe im Nichtverstehen des Du und im aufkeimenden Zweifel. Wachsende Empfindungsfähigkeit für Berührungen aus dem transzendenten Raum und das Gefühl von Geborgenheit sind die schönsten Früchte dieses Wagnisses. In ihm bestätigen wir unsere Sehnsucht, gerade in den Stunden tiefster Einsamkeit und halten uns somit selbst die Treue.
Auch wenn unsere Daseinsverständnisse genau wie die uns gestellten Daseinsaufgaben grundsätzlich etwas Unlösbares haben und behalten, wächst in der alle Paradoxien hinnehmenden Treue ein unumstößlicher Halt. Er schenkt gelassenes Ruhen in der Offenheit des Seins. So wird auch die Spannung überhaupt erst aushaltbar, die bei jedem Transzendenzbezug entsteht: Zwischen Himmel und Erde, Gott und der Welt, prophetischem Anspruch und biederer Politik, dem biblischen Ethos und der pragmatischen Moral.
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