Es ist schon viele Jahre her, und meine Erfahrungen als Kontemplationslehrer hielten sich in Grenzen.
Sie war jung, vielleicht Ende zwanzig, Anfang dreißig, etwas füllig, voller Energie und jener blassroten Tönung ihres Teints, der auf leichten Bluthochdruck schließen ließ. Dass sie hier in diesem Stillekurs sei, habe eigentlich wenig mit ihr zu tun, plauderte sie in der Vorstellungsrunde. Das sei ein Geburtstagsgeschenk ihres Freundes gewesen, der meinte, das solle sie mal machen, es täte ihr bestimmt gut. Er habe sie einfach angemeldet und auch hierhergebracht „in das Kloster am Ende der Welt“. Nun, sie sei gespannt.
Wir waren nicht allein in dem Frauenkonvent. Etwa fünfzig bis sechzig Schwestern hatten sich bereits Tage zuvor zu Schweigeexerzitien eingefunden, wie mir die Schwester Oberin bei meiner Ankunft berichtete; nicht ohne den dringlichen Hinweis, die Stille im Hause und das durchgehende Schweigen streng zu achten und meinen Kurs zu angemessenem Verhalten anzuhalten. Das ließ sich problemlos an. Auch die sich zur Stille genötigt sehende Teilnehmerin wahrte die Contenance. Beim Frühstück am nächsten Tag fiel mir dann eine leichte Unruhe bei ihr auf, so wie bei Jemandem, der unbedingt etwas sagen will, aber von dem Pflaster auf dem Mund daran gehindert wird.
Der Kurs lief meinen Vorstellungen entsprechend, und so wurde es Mittag. Als wir den Speisesaal betraten, saßen die Schwestern bereits, obwohl auch wir zeitig da waren. In sich gekehrt, manche tiefenentspannt, andere etwas Strenges ausstrahlend, einige mit Blicken auf uns, die man als leichten Vorwurf deuten konnte, weil man jetzt doch endlich essen wolle. Wir verneigten uns, nahmen Platz und ein Gong gab das Signal für den gemeinsamen Beginn der Mahlzeit. Meine nicht ganz freiwillige Kursteilnehmerin saß mir direkt gegenüber, und so konnte ich die Veränderungen in ihrem Gesicht deutlich wahrnehmen. Irgend etwas, das zum Ausbruch drängte, stieg in ihr auf und veränderte die Hautfarbe hin zu einem Dunkelrot, das ich in dieser Tönung bis dahin nur von Obelix kannte, wenn er die Luft anhielt, um Miraculix damit zu erpressen, doch auch ihm eine Kelle Zaubertrank zu geben; was dieser ihm bekanntermaßen versagte, weil er ja als Kind in einen Topf mit jener Mistel-Tinktur gefallen war und deshalb bereits auf Dauer über übermenschliche Kräfte verfügte.
Zeit, mir am Fuße des Vulkans Sorgen zu machen, blieb nicht mehr. Unvermittelt prustete sie los und steigerte sich zu einem lauten Lachen. Irritierte, teils entsetzte, teils amüsierte Blicke der Schwestern. Mein Gott, war mir das peinlich. Und was sollte ich als Kursleiter in dieser Situation tun? Es ignorieren? Verlegen auf den Teller starren wie meine anderen Kursteilnehmer? Damit hätte ich sie allein gelassen, und im Letzten trug ich die Verantwortung für das Verhalten meiner Leute. Dieses Abwägen dauerte höchstens ein bis zwei Sekunden. Ich schaute die so herzhaft Lachende an, spürte innig die geforderte Solidarität und lachte gleichfalls los. Mein Kurs stimmte nach und nach ein, und nur einen Wimpernschlag später die erste Schwester. Das Refektorium füllte sich mit lautem Lachen. Befreit, erlöst, unendliche Heiterkeit. Ich war den Tränen nahe und dachte mir: Dich hat der Himmel in meinen Kurs geschickt.
Es bedurfte keiner Worte, keiner Hinweise, keiner Ermahnungen. Das Lachen und die nach Außen gewandte Freude ebbten langsam ab und gingen über in eine Stille, wie ich sie beim gemeinsamen Mahl so noch nie erlebt hatte. Gereinigt, leicht, frei und schön. Der Dunst aus Verhaltensfremdheit und Verkniffenheit hatte sich aufgelöst. Eine allgemeine Zuneigung war spürbar, vor allem auch seitens des Konvents der Franziskanerinnen.
Abends, in meinem kleinen Zimmer unter dem Dach, ließ ich den Tag Revue passieren. Wie immer machte ich dazu das Licht aus und schaute in den dunklen Himmel. Eine Erinnerung stieg in mir auf. Zu Besuch bei einem heute längst verstorbenen engen Freund, kam eines Abends auch das Gespräch auf Stille und Kontemplation. Als ich über die Notwendigkeit von Disziplin zu dozieren anfing, schaute er mich mit jenem ihm ganz eigenen Blick an, einer Mischung aus Zugewandtheit, Aufmerksamkeit und zurückgenommener, wenn auch immer noch deutlich wahrnehmbarer feiner Ironie. „Claus, das wollte ich schon öfters einmal sagen“ unterbrach er mich. „Manchmal sind es die krummen Wege, die am Schnellsten zum Ziel führen.“
Meine mir nun ans Herz gewachsene Kursteilnehmerin reiste am folgenden Morgen nach dem Frühstück vorzeitig ab. „Die Stille und das Schweigen sind in meinem Leben noch nicht dran. Aber ich habe die Spur aufgenommen.“
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