So viel ist gesagt über die Abwärtsspirale des Kulturellen; über die unerbittlichen Polarisierungen und Ausgrenzungsfeldzüge; die aggressiv überheblichen Impulse gegen das kulturell Verwurzelte und in Jahrhunderten Gewordene; über die Gemeinschaft vergiftende Selbstverliebtheit von Gruppierungen, die mit einer Moral durchsäuert sind, die inmitten rasender Veränderungen ihre Heimat nicht in einem überzeitlichen Ethos, sondern tumben Abwehrreflexen gegenüber einer Kultur der Bewahrung hat.
Unübersehbar zeigt sich die Militarisierung des politischen Denkens, die Gewaltbereitschaft auf den Straßen, der rasende Konsum trotz schwindender Ressourcen und die schändliche Behandlung der natürlichen Mitwelt.
Wie fast immer in der Geschichte wird jedoch auch in der Gegenwart der Abstieg einer Kultur inmitten ihrer Zentren nicht ernst-, ja kaum als solcher wahrgenommen. Der Kaiser hält seine Nacktheit für die neuen Kleider. Mit „Wachstumskrise“, „Bildungskrise“, „Migrationskrise“, „Klimakrise“… wird das Grundproblem so aufdifferenziert und arbeitsteilig wegdifferenziert, dass man es kaum mehr erkennt – nämlich als politisch kulturelle Systemkrise und das Resultat völliger Visionslosigkeit.
Der daraus entstehende Sog zieht Ansprüche nach unten, priorisiert Marginalinteressen und verwirft Ideale, die für mehr dienen wollen als persönliche und gruppenspezifische Bedürfnisse und Interessen. Im Zentrum dieses Sogs wütet eine fortschreitende und in dieser Form historisch neue Individualisierung durch die mit dem Menschen verschmolzenen allpräsenten digitalen Bewusstseinsmaschinen – und das heute von Kleinkindbeinen an.
Selbstreflexion, Selbstachtung und Selbstbestimmung in einem tieferen Sinne sind zu einem raren Gut geworden.
Michelle Obama sagte 2016 auf dem Kongress der Demokraten in Philadelphia :
„When they go low, we go high!“
Wenn sich aufwärts nur noch Aktienindex, Ressourcenverbrauch und nivellierte Mittelmäßigkeit bewegen, rufen uns die kulturell anspruchsvollen Wege. Wenn das Konsumieren zum Lebensschwerpunkt wird, ist die Stunde für Einfachheit und Bescheidenheit gekommen. Wo Mauern der Ab- und Ausgrenzung und Brandmauern der Stigmatisierung errichtet werden, wird es Zeit, die Leitern aus dem Keller zu holen. Wenn das ununterbrochene Rauschen der Bilder und Töne die Vernunft überlagert, warten feine Dosierung und heilende Askese. Legt Gleichgültigkeit sich wie Mehltau über die sozialen Lebenswelten, will solidarische Begegnung neu erweckt werden. Und der Eiseskälte im Umgang mit Mutter Erde tritt pflegende Zuneigung lebensdienlich gegenüber. Solche Selbstverständlichkeiten gehen jederzeit und überall, in jedem Makro- und jeglichem Mikrokosmos. Sie kosten nichts, außer etwas Besinnung, Achtsamkeit, Liebe und Anstand.
Eine Kultur, ein Land und die darin beheimateten Menschen können nur überdauern und haben nur eine würdevolle Zukunft, wenn sie die hohen und manchmal die höchsten Wege gehen. In Perfektion ist das selbstredend niemals möglich, weswegen zum Maßstab die Intention, der Wille und das Bemühen werden. Niemand ist allein in diesem Ringen, und Beistand kommt nicht nur aus der irdischen Welt.
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