Sprache schafft Wirklichkeit, verstärkt oder verändert sie. Sprache formt sich aus unseren Gedanken und wirkt anschließend auf diese zurück. Sprache transportiert Werte und Traditionen, wirkt als kulturelles Gedächtnis, stiftet kulturelle Identität und konstituiert so ein Kulturvolk. Sie wird zu dessen Seele, was man im Umkehrschluss daraus ablesen kann, wie Identitäten durch Sprachverbote und/oder sprachliche Überfremdung zerstört werden. So manches indigene Volk musste das erleiden. Doch auch vor sogenannten Hochkulturen macht dieser Prozess nicht halt.
Sprache wirkt als Kitt einer Kultur oder vermag sie wesentlich zu schwächen. Dem einzelnen Menschen schenkt sie psychologische Heimat und das Gefühl, ja die Sicherheit der Zugehörigkeit. Beherrschst du die Sprache eines Landes nicht, gehörst du ihm im Innersten nicht an, woran auch der Verwaltungsakt der Staatsangehörigkeit wenig ändert.
Nationen und Regionen können stolz auf ihre Sprache sein. Sie bietet die Möglichkeit, dem Alltäglichen, dem Besonderen und Außergewöhnlichen, dem Tradierten und dem sich Entwickelnden einen unverkennbaren Ausdruck zu schenken – in hoher Differenzierung, typischer Klangfärbung und eigener Ästhetik. Repräsentanten eines Landes und gewählte Volksvertreter stehen dafür in besonderer Verantwortung. Ihr Sprachniveau spiegelt das grundsätzliche Niveau der Politik und damit der demokratischen Kultur.
Politische Sprache mag geschliffen und in einem elaborierten Code daher kommen und trotzdem für ein verwahrlostes Begriffsarsenal und eine entsprechende Sprechweise stehen. Worte werden dabei als Waffen missbraucht und Wortbedeutungen irreführend oder gar herabwürdigend verwendet.
Die gegenwärtige politische Gemengelage zeigt sich als fragil und unkalkulierbar. Wir stehen inmitten einer politischen Zäsur, in der sich das Parteiensystem völlig neu sortieren wird. Die Zeit überkommener Selbstverständnisse ist vorbei. Zugehörigkeitsverlagerungen und Neugründungen werden ablösen, was sich einmal als Volksparteien verstand. Nicht jeder gesellschaftliche Wandel ist eben in Welt- und Gesellschaftsbilder aus früheren Jahrzehnten, ja Jahrhunderten integrierbar. Man kann darauf mit Analytik, Sachlichkeit und visionärem Neuentwurf reagieren und zunächst auf sich selber und den möglichen Beitrag zur gemeinschaftsdienlichen Um- bzw. Neuorientierung schauen; klar und konsequent, aber immer wohlmeinend. Oder man verliert die Fassung, verletzt die Grenzen des Anstands und feiert Abgrenzungsrituale.
Da wirft der Kanzler den Anderen im Hinblick auf ihr Vorhaben der Rückführung von Migranten „ethnische Säuberungen“ vor, wohlwissend, dass es bei dem Begriff um Kriegsverbrechen geht, die sich vor allem in den Jugoslawienkriegen ab 1992 ereigneten. Es wird von Faschisten und Nazis gesprochen und damit die Singularität des Zivilisationsbruchs und der Barbarei durch den Nationalsozialismus begrifflich veralltäglicht und damit verharmlost – wissentlich und willentlich. Die Anderen zeigen sich angewidert von einem „links-grün-versifften Milieu“ und beziehen dabei gleich den „Staatsfunk“ mit ein. Sie lästern über „Kopftuchmädchen“, als könnten diese etwas für den Fundamentalismus ihrer Eltern. Und aus den Reihen der einen wie der anderen wird auf den Abgeordnetenbänken herumgepöbelt, als wähnten sie sich am Stammtisch. Es wird berichtet, dass man sich auf den Abgeordnetenfluren nicht grüßt, aneinander vorbeigeht, kein Handschlag, kein guter Wunsch. Das nennt sich dann Repräsentanz des Volkes. Und auf den Straßen nimmt die Unerbittlichkeit zu. So dreht der Wind sich weiter und wird zum Sturm.
Verwahrloste Sprache und ein verwahrloster Umgang miteinander gehen mit einer Verwahrlosung mancher Verhältnisse einher. Es sollte bewusst sein, dass wer die Sprache in ihrer Feinheit und Potentialität zur Verbundenheit nicht schätzt und zu beherrschen sucht, auch den Kulturraum, dem sie entstammt, nicht schützt.
Wer dem Mitstreiter im demokratischen Ringen nicht mit Respekt gegenübertritt, will keine wirklich offene Demokratie, sondern begünstigt die Vorstufen zu einer Gesinnungsdiktatur, in der politische Milieus zu bestimmen suchen, was gesagt werden kann und wo. Das haben die vergangenen Jahre zur Genüge gezeigt.
Sprache ist nicht das einzige, aber das wesentliche Ausdrucksmittel von Kommunikation. Diese wiederum, davon kündet schon der Wortstamm, dient nicht lediglich der Verständigung, sondern der Bildung und Bewahrung von Gemeinschaft. Das Parlament konstituiert eine Gemeinschaft. Als Mikrokosmos steht sie für den gesellschaftlichen Makrokosmos und Kulturraum eines Landes.
Vielleicht sollte mehr Sorgsamkeit darauf gelegt werden, wer das Volk, gleich auch welcher Partei er angehört, vertritt und repräsentiert. Die Sprache könnte dabei ein ganz wesentlicher Maßstab sein.
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Das Foto zeigt den Marinefunkturm auf Wangerooge bei Nacht

