Langsam haben sie sich verloren

ClausAllgemein

Sie waren wie Brüder
Wie Vertraute in verwahrloster Zeit
Die Begegnungen selten
Ohne überflüssige Worte
Kein Gerede über Andere
Auf den gemeinsamen Streifzügen durch Sein und Sinn

Das Gesagte gewählt und gewogen
Horizonte öffnend jenseits der Sprache
hinüber zum Raum der gemeinsamen Heimat

In die Zeiten hinein manchmal ein Gruß
Elektronisch oder postalisch
Nicht mehr
Wussten sie doch umeinander
Entlastende Kontaktfreiheit

Langsam wurde es stiller
Verbliebene Lebenszeichen verklangen
Zur Weihnacht oder dem Geburtstag

Unbemerkt geschah das
Unbewusst gleichwohl als Frage wahrgenommen
Wie ein Verschwinden ohne Abschied
Wie ein Vorübergehen ohne Blick

Sie waren dabei sich zu verlieren
In innerer Fremdheit
Die anwuchs mit der äußeren Distanz

Nicht willentlich sind sie gegangen
Es geschah grundlos
Einfach so
Im Verrinnen der Wochen und der Jahre
Bis keiner mehr in die Ferne voneinander zu rufen wagte

So vergingen Lebensjahre
Mit dem Alter blühten Erinnerungen auf

Im Drang
Die vertraute Stimme zu hören
Machte einer sich auf den Weg
Nichts mehr gültig von den früheren Daten
Kein Anschluss unter keiner Nummer
Kein Brief fand Antwort

Es wuchs ein Vermissen
Ähnlich jenem pulsierenden Gefühl in der Brust
das man von Sorge um geliebte Menschen kennt

Irgendwann
Durch eine gemeinsame Freundin die Nachricht
Von seinem Tod
So still wie sie miteinander manchmal waren
War er fort
In den Raum von dem sie so oft träumten
Vorher schon
So war zu hören
Hatte er die Welt verloren
Allein in einem Heim für demente Männer

Wie ein Windhauch ist das Leben
Das eigene und das der anderen
So sprach schon Kohelet
Windhauch bewegt sich nach eigenen Gesetzen
Achtet nicht der Menschen Nachlässigkeit

Begegnungen kommen und gehen
Ihre Bewegung zu spüren gehört zum Sinn
Und manche
Die auserwählten
Wollen in Treue gehalten werden
Bevor sie sich sprachlos verlieren
und trauernde Leere hinterlassen

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