Kann man sich selbst verlieren?

ClausAllgemein

In der Geschichte der Literatur, vor allem der deutschen Romantik, war es ein tragendes Motiv: die Auflösung des Ich, die als Verlust empfundene Preisgabe des Selbst oder auch das völlige Verschmelzen mit den Sehnsuchtsdimensionen im Raum der Transzendenz.
In einer verdinglichten und zerrissenen Welt wurde die schleichende Selbstentfremdung des Gegenwartsmenschen zum willkommenen Marktmodell für psychologische Ratgebertexte. Orientierungsschwierigkeiten, innere Leere und die Empfindung unablässiger Überforderung führen zu Fremdheit in der eigenen Leiblichkeit und dem Gefühl von der eigenen Seele abgeschnitten zu sein. Wer seine Grenzen und deren Bedürfnisse nicht kennt und ihre Notwendigkeit nicht respektiert, dem droht der Bruch mit seiner Identität. Ihm fehlen jene Schutzinstinkte, die verhindern, ganz von den Anforderungen und Erwartungen eines Du, eines Wir und/oder gesellschaftlicher Normen aufgesogen zu werden. Es bleibt zwar auch dann noch ein „Ich“, aber es fühlt sich leer und verlassen an. Diese Empfindung spitzt sich zu, wenn Respekt und Anerkennung ausbleiben und das Bild von sich, das man sorgsam konstruiert und zu leben versucht hatte, verbrennt. Ein diffuser Heimwehschmerz erfüllt dann das Herz.

Entwurzelte Gesellschaften bringen entwurzelte Menschen hervor. Selbstfindung und Selbstoptimierung als kalte und asoziale Lebensprogrammatik boomen. Was der Ausrichtung und Zentrierung dienen soll, verstärkt grassierende Individualisierungsprozesse. Sie enden im Niemandsland. Wo aber nichts ist, verliert eine vagabundierende Seele letzte Bezugspunkte.
Spätestens jetzt kommt ein Mensch sich verloren vor, nimmt sich als bindungslos wahr, wenn auch nicht in jenem Sinne, der von Freiheit spricht. Die Reise, die er begonnen hat, findet keinen Hafen. Denn wer sich optimieren will, dem ist nichts gut genug. Vor allem aber bleibt er am Äußerlichen und an äußeren Normsetzungen kleben. Und er bleibt allein, seien auch noch so viele Menschen um ihn herum.

Sich verlieren… Für einen Moment und damit vorübergehend passiert das in erfüllter sexueller Begegnung, in Ekstase, unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen und auch in manchen meditativen Übungen. Aber grundsätzlich…? Letztlich ist dies eine Frage des Bewusstseins und worauf es sich bezieht.

Verharrt es eingekerkert im „Ich bzw. Ego“, ohne jemals den Geschmack des tragenden Darüberhinaus gekostet zu haben, bleibt es fragil. Es ist dann nicht mehr als ein Spielball des Missverständnisses darüber, was man denn unter Leben verstehe. Unweigerlich steigt irgendwann die Frage auf, was oder wer man denn eigentlich noch sei. Da man aber nur etwas verlieren kann, wenn man vorher mehr hatte als eine Illusion, sollte hier nicht von Verlusterfahrung oder einem Defizit gesprochen werden. Bildet sich mit der unübersehbar gewordenen Frage nach Sein und Sinn doch die Grundvoraussetzung für Heilung heraus. Wenn man das denn sehen will.

Bewegt sich das Bewusstsein im „Selbst“, emanzipiert es sich von der Ich-Verhaftung, ohne das Ich aufzulösen. Das Selbst tritt in Berührung mit dem Raum des Überpersönlichen und Transzendenten, streckt sich aber vor allem zu den Banden des Gemeinschaftlichen. Sie schenken Zuwendung und Stärkung, fordern aber auch entsprechende eigene Aktivitäten ein. Schicksalsschläge, Trennungs- und Verlusterfahrungen können das Gefühl der Bodenlosigkeit hervorrufen. Es ereignet sich in der Wahrnehmung gleichsam ein Fall aus der eigenen Biographie. Auch wenn der Weg zur Neuverwurzelung schmerzhaft und mühsam ist – in diesem schöpferischen Prozess führen die in einem Menschen ruhenden und die ihn überschreitenden Potentiale zu einer neuen Synthese – entsprechende Bewusstwerdung vorausgesetzt.

Ruht das Bewusstsein im „SELBST“, kann die Heimat niemals verloren gehen. Denn sie meint nun mehr als Ich und Leiblichkeit, mehr auch als das soziale Eingebundensein und die Verbundenheit mit anderem Leben. Der Mensch sieht und vor allem empfindet sich dem Leben an sich als teilhaftig und zudem untrennbar eingebunden in kosmische und transzendente Prozesse. In höchstem Sinne ist er identisch mit sich selbst. Und daraus kann er nicht mehr fallen. Er kann sich nicht grundsätzlich verlieren, ist er doch immer schon angekommen. Was auch geschehe, wie es ihn auch zerreißt, was man ihm auch nehme – sein Bewusstsein findet zurück in den Garten der Ganzheit, den er nie verlassen hat.

Im großen SELBST sind vom Ich her kommend die Zwischenstufen weiterhin präsent, allerdings zu einem Integral verbunden, sich aus diesem nährend. Es rückt die Wahrnehmungen und Empfindungen, rückt Freude und Leid, Glück und Unglück in das angemessene Verhältnis. Das Einswerden in der Stille, im Contemplum, unserem inneren Tempel, macht dies erfahrbar.

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